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BIOGRAPHIE Teil 1

SHORT CIRCUIT - ELYZIUM FOR THE SLEEPLESS SOULS - MENTAL DECAY

S.M.U.S - ASTRAL FUCK - SCHWITZENDE SCHWEINE

1991 - 1996

Im Jahre 1992 machte eine Formation von sich reden, die sich Short Circuit betitelte. Zeimet Alex (22) und Martin Georges (23) taten sich Anfang Dezember 1991 zusammen, um ein Musikprojekt zu starten. Und weil beide schon seit Jahren viel Wave- und Underground-Musik hörten und sich somit auch recht gut darin auskannten, konnte auch nur was in der Richtung entstehen.

Eine richtige Wave-Szene gab es in Luxemburg zu damaliger Zeit noch nicht. Zwar gab es schon immer einige Bands, die Punk, Heavy Metal, Grunge oder sonstige alternative Musik machten, doch schafften sie es nicht, für längere Zeit Fuss zu fassen. Anfang der 90ger Jahre setzte sich dann aber die Hardcore-Szene mehr und mehr durch, und viele Bands konnten ihren Status bis heute erhalten, da die Szene noch immer weit verbreitet ist.

Was die extreme Musik betrifft, so ist es hier angebracht, einige Zeilen über eine Band zu berichten, die wahre Pionierarbeit geleistet hatte und auch zugleich die erste Luxemburgische Underground-Band war. Bereits im Jahre 1984 existierte eine Noise-Band, die zu Beginn Kadaver '84 hiess, aber später im Laufe der Jahre mehrmals den Namen änderte (z. B. Kotlecker, Abtreibende Grünfinke, Masturbierender Christus, Friends of Carlotta, Wieselflinke Gondoliere etc.). Ihre Konzerte waren spektakulär, ihr Ruf berüchtigt. Von allen Bands bekam diese am meisten den Stecker herausgezogen und brachte es auch als erste in der Luxemburgischen Musikgeschichte fertig, sogar aus der Kultur-Fabrik hinausgeworfen zu werden. Zuletzt trug diese 'Gruppe' (ein zusammengewürfelter Haufen verwegener Chaoten) seit Juni 1994 den Namen Ede Wolf und war ohne Unterbrechung 12 Jahre aktiv, bis sie am 5. Dezember 1996 im Pulp Club in Luxemburg-Stadt zusammen mit B.S.E. und Sonic Attack ihr letztes Konzert gab. Die Besetzung dieser Formation hatte sich im Laufe der Zeit nur wenig geändert und war jahrelang die einzige ihrer Art, bis schliesslich im Oktober 1995 Jacoby Josy aus Nothum das Industrial/Noise-Projekt Astral Fuck gründete.

Alex und Georges wussten schon lange, dass es hierzulande noch keine New Wave-Band gab, und so beschlossen die beiden, ein solches Projekt auf die Beine zu stellen. Alex (Gesang, Gitarre, Keyboards, Texte) und Georges (Bass, Keyboards) schrieben daraufhin einige sporadische Stücke, die stark nach Joy Division und The Cure klangen. Logisch, denn Joy Division war Alex' grosses Vorbild, und bei Georges war es The Cure.

Anfangs fanden die Proben bei Georges statt, später richtete man bei Alex zu Hause einen Proberaum ein, sofern man es überhaupt noch Proberaum nennen konnte: Ein ehemaliges Schlafzimmer, welches sich im Laufe der Jahre mehr und mehr in eine Rumpelkammer verwandelt hatte und auch als Aufenthaltsraum für Partys, Übernachtungsraum usw. benutzt wurde. Da man aber wegen Geldmangel nur sehr billige, ausschliesslich gebrauchte und teilweise sogar defekte Instrumente besass, war die Arbeitsweise, mit denen die Stücke eingeübt wurden, äusserst spartanisch. Da nicht mal eine Gitarre zur Verfügung stand, spielte Alex über einen alten Bass (umgebaute Gitarre mit angegipstem Hals, noch dazu ohne Fretts!), den er sich aus dem Fundus eines Proberaumes 'geliehen' hatte. Als Verstärker benutzte er einen schäbigen "APPLAUSE", den er sich von seinem Bruder gepumpt hatte. Es war ein kleiner Gitarrenverstärker, dessen Bassmembran schon mehr oder weniger den Geist aufgegeben hatte. Damit Alex mit dem Bass (welcher übrigens nur noch zwei Saiten besass!) gitarrenähnliche Klänge erzeugen konnte, benutzte er statt eines Plektrums eine Münze! Als er dann am Verstärker auch noch den Treble-und Gain-Regler sowie die Lautstärke bis zum Anschlag aufdrehte, musste man sich allerdings die Frage stellen, ob das überhaupt Gitarrensounds waren, die der ausgelaugte Verstärker von sich gab: ein sägendes, verzerrtes und fürchterlich röhrendes Gekreische!

Was die Tasteninstrumente anbelangte, so besass Alex einen "Yamaha PSR-47", den er sich vorigen Sommer zugelegt hatte. Georges besass ein kleines Spielzeugkeyboard der Marke "CASIO" aus dem Jahre 1987. Dessen Preset-Sounds klangen äusserst rauh und dreckig, da diese noch mit nur 8 Bit gesampelt waren. Als Verstärker für diese beiden Geräte wurde ein "MONTARBO"-Universalverstärker benutzt, den Alex sich Anfang November für 21.000- Frl. beschafft hatte. Dieser besass drei Eingänge, so dass man bis zu drei Instrumente gleichzeitig darüber spielen konnte. Allgemein war der "MONTARBO" für alle Instrumente gedacht, ausser für einen Bass, da sonst der Hochtöner in Mitleidenschaft gezogen werden konnte. Man besass weder Schlagzeug noch Drumcomputer, so dass man reichlich Gebrauch von den spärlichen Rhythmussektion des "PSR-47" machte. Allerdings liess sich eine programmierte Sequenz nicht abspeichern, so dass man gezwungen war, diese jedesmal beim nächsten Stück wieder neu einzugeben! Was die Anschlusskabel betraf, darin bestand akute Mangelware. Also flickte man sich diese aus Kabelabfällen und vermurksten Klinkensteckern zusammen, wobei allerdings oft nicht auf Isolierung geachtet wurde.

Während der Proben wurden allgemein mehr Spielereien ausprobiert als dass wirklich ernsthaft geprobt wurde, denn sowohl Georges als auch Alex hatten nichts als Flausen im Kopf. Aber gerade deswegen kamen die beiden auf die besten Ideen, und ausserdem hatten sie ihren Spass dabei. Dass sie irgendwann mal auf der Bühne stehen würden, darüber machten sie sich keine grossen Illusionen. Aber die eingeübten Songs wollten sie auf einer Kassette festhalten. Alex besass noch einen uralten Kassettenrecorder, welcher jedoch keinen Mikrofonanschluss besass. Das Aufnahmemikrofon befand sich nämlich unter der Gehäuseplatte, welche an dieser Stelle mit Löcher versehen war. So musste Alex ohne Mikrofon singen. Zwar besass man ein kleines Mikrofon von Georges' "MARANTZ"-Stereoanlage (die schon mindestens zwanzig Jahre auf dem Buckel hatte, aber immer noch gut funktionierte), jedoch hatte man nicht die Möglichkeit, diesen an den "MONTARBO" anzuschliessen, da kein Adapter vorhanden war. Während der Aufnahmen musste Alex sich für den Gesang auf einen Hocker setzen und sich ganz dicht vor den Kassettenrecorder halten, den er auf einen Stuhl gesetzt hatte. Dazu musste er gleichzeitig noch Bass spielen, was auch nicht gerade einfach war. Und so bemühte man sich, die Songs aufs Band zu bekommen.

Nachdem man sich einige Zeit lang mit dem Equipement rumgequält hatte, wurden am Silvesterabend 1991 auf einer Party bei Alex ein Tape mit drei Stücken vorgespielt. Einige Leute fanden die Musik recht interessant. Es handelte sich um die Songs Exit, The Flight und Exercise one, allerdings noch in sehr rudimentären und minimalistischen Versionen. Exercise one war eine Cover-Version von Joy Division.

Erwähnt sei, dass weder Georges noch Alex irgendwelche Musikausbildung besassen. Beide liessen einfach ihrer Fantasie freien Lauf. Komposition und Texte stammten fast ausschliesslich von Alex, und da er auch seinen Emotionen freien Lauf liess, klangen die Songs recht depressiv. In den Texten handelte es sich meist um seine Lebenserfahrungen, die er in seinen Worten niederschrieb. Er warf nicht mit Klischees um sich, da alles real erlebt war, sei es Wut, Enttäuschung, Demütigung oder Schmerz. Jeder konnte die Texte so auffassen, wie er wollte, und jeder konnte mit den darin enthaltenden Themen auch einmal konfrontiert werden. Alex verfasste alle Songs auf Englisch, doch weil er diese Sprache nur in beschränktem Masse beherrschte, quälte er sich er oft stundenlang mit einem Wörterbuch herum, um die Texte aufs Blatt zu bekommen.

Im Februar des Jahres 1992 legte er sich weiteres Equipement zu. Er besorgte sich für 5.000- Frl. ein anständiges Mikrofon. Unter anderem konnte er sich in einem Proberaum eine alte Gitarre unter den Nagel reissen, die schon seit Jahren unbenutzt in einer Ecke stand. Es war eine heruntergekommene "WONDER" aus den 60ger Jahren. Der Regler für die "Tone"-Einstellung funktionierte nicht, der Hals war verbogen und die Saiten schon angerostet. Zudem hatte die Gitarre noch einen grellen Rasiermessersound, der durch Mark und Bein ging. Nachdem Alex erst mal neue Saiten aufgezogen hatte, besorgte er sich für 500- Frl. eine alte analoge Chorus-Pedale, damit er den Klang breitflächiger und druckvoller gestalten konnte. Auch sollte der Sound so dreckig wie möglich sein. Also drehte Alex an der Pedale alle Regler bis zum Anschlag auf, so dass die Gitarre nunmehr nach einer dröhnenden Kreissäge klang.

Im Laufe der Zeit arbeiteten die beiden daran, ihre Stücke weiter zu verbessern. Auch wurden neue Experimente ausprobiert. Am 29. Februar wurde in einem einzigen Versuch das Stück Unterwelt aufgenommen. Georges benutzte auf seinem Computer ein altes Sequenzerprogramm. Am "CASIO"-Keyboard klemmte er eine Taste fest, so dass ein Dauerton erzeugt wurde. Keyboard, Computer und Mikrofone schloss er an seine Stereoanlage an, da diese mit einige Mikrofoneingängen ausgestattet war. Als zusätzliche Geräuschquellen dienten eine Gabel, ein Glas Wasser und eine Brausetablette, die ans Mikrofon gehalten wurden. Alex sprach den erstbesten Text, der ihm in den Kopf kam und improvisierte dabei auf der Computertastatur die Keyboardlinie, während Georges undefinierbare, markerschütternde Schreie hinzufügte. Durch das Ganze wurden noch unzählige Delay- und Echoeffekte hindurchgejagt (Alex lieh sich einen "Alesis MIDIVERB II" aus). Auf diese Weise wurde das Stück sofort auf eine Kassette aufgenommen, zusammen mit verbesserten Versionen von The Flight und Exercise one.

Im März kaufte Alex von seinem Bruder für 7.500- Frl. einen alten "MARSHALL"-Gitarrenverstärker ab. Dieser brachte nämlich einen hundertmal besseren Klang als der mickrige "APPLAUSE". Seit Alex eine Gitarre besass, konnte Georges neben den Keyboards auch den Bass übernehmen, denn bisher hatte er die Basslinie beim Stück Exercise one auf seinem "CASIO" gespielt. Er zog neue Saiten auf und benutzte als Bassverstärker einen uralten "VOX" aus den 60ger Jahren, den Alex sich ausgeliehen hatte. Aber leider waren mehrere Potis defekt und auch der Verstärkerteil war soweit am Ende, dass man den "VOX" schon regelrecht künstlich beatmen musste, um ihn überhaupt in Betrieb zu bekommen. Georges und Alex bastelten mehrere Male daran herum und versuchten auch die Potis zu ersetzen, was jedoch nicht sonderlich half. Schliesslich gab der Verstärker seinen letzten Atemzug von sich und funktionierte gar nicht mehr. Alle Versuche, ihn zu reparieren, schlugen fehl. Da aber der Lautsprecher noch intakt war, bemühte sich Georges, den defekten Verstärkerteil durch den eines alten Radios zu ersetzen, so dass er doch noch Bass spielen konnte, auch wenn es vom Klang her ein dreckiges Gerumpel war.

In der darauffolgenden Zeit arbeiteten die beiden an neuen Kompositionen. Es entstanden die beiden sehr depressive Stücke Extinguished und Disintegrating Circle. Das erstgenannte besass einen schwerfälligen Rhythmus, das zweite war relativ tanzbar. Auch diese Stücke wollte man aufnehmen. Es zeigte sich allerdings, dass der Kassettenrecorder die Bässe nicht genügend aufnahm, weshalb die Aufnahmen auch ziemlich blechig klangen. Alex konnte aber dem Problem bald Abhilfe schaffen, indem er das Gerät einfach unter den Schrank stellte. Dadurch wurden die Höhen etwas abgefangen und die Bässe verstärkt. So konnte man Aufnahmen von besserer Qualität erreichen. Auch übte Alex sich von nun an darin, im Stehen zu spielen und zu singen. Aus dem Gestänge einer alten Stehlampe bastelte er sich einen Mikrofonständer zusammen.

Das Projekt der beiden hatte sich mittlerweile im alternativen Milieu herumgesprochen, und so bekamen sie zu ihrer Überraschung Ende Mai von der Punk-Band The Escape das Angebot gemacht, zusammen mit ihnen als Vorgruppe im Städtischen Jugendhaus aufzutreten. Wenngleich auch die Short Circuit-Songs noch nicht in ihren definitiven Versionen vorlagen, nutzten Alex und Georges doch ihre Chance und bereiteten sich darauf vor.

Und am 13. Juni war es dann soweit. Allerdings standen Georges und Alex mit ihrem Equipement ziemlich schäbig da. Man einigte deshalb sich darauf, über die Endstufe von The Escape zu spielen, wobei der Sänger Metz Oliver das Short Circuit-Konzert vom Mischpult aus kontrollieren sollte. Dann ging es los. Gleich das erste Stück Exit heizte die Zuschauer ein, die mindestens zur Hälfte aus Punks und Gothics bestanden. Sie waren sehr beeindruckt davon, da sie bisher noch nichts dergleichen gesehen hatten. Es war überhaupt erstaunlich, dass das Konzert nicht ein totales Debakel wurde, denn die meisten Leute waren wegen The Escape gekommen, da diese Band schon einen gewissen Bekanntheitsgrad hatte. Georges hatte mit starkem Lampenfieber zu kämpfen und musste sich erst mal Mut antrinken. Das führte allerdings dazu, dass er mehr schlecht als recht spielte und öfters improvisieren musste. Alex ging die Sache eher gelassen an, obwohl auch er eigentlich gar nicht Gitarre spielen konnte (er spielte stets nur eine Saite, da Akkorde ihm unbekannt waren!), vom Gesang nicht erst zu reden. Er besass eine solch schlechte und depressive Stimme, dass sie eben deswegen schon originell war. Natürlich wusste er die meisten Texte nicht, so dass er sie von den Spickzettel ablesen musste, die er am Mikrofonständer befestigte. Und von einer Show konnte natürlich keine Rede sein: Er stand unbeweglich vor dem Mikrofon, die Augen stets auf die Texte gerichtet, während Georges ebenfalls nicht einen Blick auf das Publikum warf. Im Gegenteil, beim Bassspielen drehte er den Leuten den Rücken zu. Zwischen den Stücken gab es manchmal längere Pausen, da Alex über Kopfhörer den Rhythmus für das nächste Stück einprogrammieren musste! Aber die meisten Leute hatten erkannt, dass es den beiden nicht darum ging, spielen zu können, sondern einfach nur darum, um kreativ zu sein, den Spass dabei zu haben und den Leuten mal was Neues anzubieten. Die spielerische Qualität war Nebensache. Insgesamt spielten die beiden sechs Stücke. Das Stück Cold Shoulder wurde vollständig improvisiert, da man es noch nicht eingeprobt hatte. Alex spielte die Keyboards, während Georges eine Basslinie legte, die mit starken Delay- und Echoeffekten versetzt war. Der Sound klang recht merkwürdig, dazu erzeugte Georges auch seltsame Klopfgeräusche, indem er ab und zu auf die Pickups schlug. Da für dieses Stück ein Dauerton benötigt wurde, klemmte Alex an Georges' Keyboard eine Taste mit einem Kabelstück fest. Nachdem die beiden Disintegrating Circle gespielt hatten, riefen die Zuschauer unerwartet nach einer Zugabe. Daraufhin wurde eine schnellere und verlängerte Version von Exercise one gespielt, wobei der Schlagzeuger von The Escape die Drums spielte. Von allen Stücken kam die Zugabe bei den Leuten am besten an. Alex nahm das Konzert mit dem Kassettenrecorder auf, ein Kollege von ihm hielt alles mit der Videokamera fest. Insgesamt war das erste Live-Debut von Short Circuit ein voller Erfolg. Auch The Escape räumten voll ab und ernteten viel Beifall.

Nach diesem Ereignis planten die beiden gleich den nächsten Auftritt und arbeiteten fieberhaft an neuen Stücken. Darunter befanden sich hauptsächlich Cover-Versionen (Cold, A Forest und 17 Seconds von The Cure sowie Burn und The Damage done von den Sisters of Mercy). Auch wurde ein neues Stück eingeprobt. Georges schrieb einen Text, welches den Titel In Town trug, und so komponierte Alex die Musik dazu. Es entstand ein ziemlich düsteres Lied mit schwerfälligem Rhythmus. Unter anderem schaffte Alex sich für 10.000- Frl. endlich einen Drumcomputer ("Boss DR-550") an, so dass er die Sequenzen programmieren und auch abspeichern konnte. Ein Knopfdruck, und schon konnte er den gewählten Rhythmus abrufen. Georges legte sich für 15.000- Frl. einen gebrauchten "MONTARBO"-Bassverstärker zu.

Unter anderem musste auch der Bass mit Fretts versehen werden, damit Georges besser spielen konnte. Also brachte Alex deren neue an, allerdings auf eine äusserst unorthodoxe Weise: Er hebelte die Fretts eines alten und defekten "FENDER"-Basses, den er noch zu Hause rumstehen hatte, mit dem Schraubenzieher heraus und schlug sie mit dem Hammer in die Spalten des Halses an Georges' Bass ein. Alex' Bruder Adhémar war entsetzt, als er das sah, kostete es doch einige Tausend Franken, um einen Bass mit neuen Fretts zu versehen! Allerdings musste Alex diese noch ein Stück abfeilen; Der Hals war nämlich etwas schmaler, so dass die Fretts an beiden Seiten ein wenig herausragten. Nachdem man nach und nach bessere Instrumente besass, war es auch viel angenehmer zu spielen. Ausserdem verlor man keine Zeit mehr mit den ständig anfallenden Reparaturen.

Anfang Juli bekamen die beiden den Vorschlag gemacht, am 10. des Monats ein Konzert auf einer Geburtstagsparty zu geben, welche in einem gemieteten Landhaus in Rippig stattfinden sollte. Georges und Alex fuhren schon am Nachmittag dahin, um ihre Instrumente aufzurichten und den Sound-Check zu machen. Allerdings befand sich das Haus in einem Zustand, als hätten dort die Hunnen gehaust. Die Leute, die schon am Vortag gekommen waren, hatten eine Partyorgie veranstaltet, die die ganze Nacht gedauert hatte. Das Ergebnis war, dass man schon Gummistiefel benötigt hätte, um durchs Haus zu gehen. Überall lagen Essensreste und Glasscherben herum, musste man durch Bierlachen waten. Ausserdem stank es wegen der Hitze fürchterlich nach Bier und verdorbenem Nahrungsmitteln. Georges und Alex fürchteten, dass ihre Instrumente zu sehr verschmutzt werden könnten. Kurz darauf kam auch noch der Inhaber des Hauses vorbei, um eine Inspektion vorzunehmen. Als er diesen Saustall sah, machte er kurzen Prozess und warf alle Leute heraus. Er gab Georges und Alex fünf Minuten Zeit, ihre Instrumente zusammenzupacken und das Haus zu verlassen. Bald darauf waren die beiden auch schon verschwunden. Später stellten sie allerdings fest, dass sie in der Eile vergessen hatten, ihren Kassettenrecorder mitzunehmen. Das war aber nicht weiter schlimm, da Georges auch einen Kassettenrecorder sein eigen nannte. Dieses Gerät der Marke "PRIVILEG" war zwar schon fast zwanzig Jahre alt, doch man konnte Aufnahmen in einer relativ guten Klangqualität erreichen. Ausserdem befanden sich am Gerät mehrere Anschlüsse für Mikrofon und Verstärker. Da das Kabel des dazugehörigen Mikrofons fast drei Meter lang war, konnte man dieses bequem im Raum auf die Klangquellen ausrichten.

Einige Tage nach dem Zwischenfall in Rippig planten die beiden, ein zweites Konzert im Jugendhaus zu geben, und diesmal als alleinige Band. Sie konnten mit den Verantwortlichen des Jugendhauses ein Datum für den 29. August vereinbaren. Anschliessend wurde intensiv geprobt, denn man wollte so viele Stücke wie möglich spielen.

Am Tage des Konzerts verliefen die Vorbereitungen reibungslos. Doch kurz vor Konzertbeginn stolperte einer der Zuschauer über das Kabel des Drumcomputers, so dass das Gerät samt Netzteil auf den Boden fiel. Zum Glück blieb das Gerät unbeschädigt, doch das Netzteil hatte was abgekriegt und funktionierte nicht mehr. Georges versuchte es noch mit dem Netzteil seines kleinen Keyboards, doch damit funktionierte es auch nicht, weil es ein anderes Strom/Spannung-Verhältnis hatte. Glücklicherweise aber war der Drumcomputer mit Batterien bestückt, so dass man notfalls auch darauf zurückgreifen konnte. Allerdings wussten die beiden nicht, wie lange die Batterien halten würden. So blieb ihnen nichts anderes übrig als zu hoffen, dass während des Konzerts dem Drumcomputer nicht auf einmal der Saft ausging. Doch es ging alles gut, und der Live-Gig wurde ein noch grösserer Erfolg als der vom 13. Juni. Während die beiden spielten, bediente ein Kollege von ihnen, Costanzo Stephan alias "Staive", den Drumcomputer. Sie standen also diesmal zu dritt vor den Zuschauern. A Forest wurde in normaler und Maxi-Version gespielt, und als krönender Abschluss wurde The Damage done gespielt, wobei zwei Leute von der Hard-Rock-Band Dapple Rose als Gastmusiker mitspielten. Alex' Bruder, Zeimet Adhémar (Gitarrist von Dapple Rose), übernahm die zweite Gitarre (benutzte als Verstärker den altersschwachen "APPLAUSE") und Harperath Michel (Bassist von Dapple Rose) den Bass, während Georges eine Keyboardlinie improvisierte. In Town wurde aus zeitlichen Gründen nicht gespielt. Vom Konzert existiert weder ein Tape noch ein Video. Es hatte sich niemand gefunden, der filmen konnte, und der Kassettenrecorder war defekt.

Einen Monat später, am 26. September, hatten Short Circuit die Gelegenheit, ein weiteres Konzert zu geben, und zwar in Bech-Kleinmacher im Café Griffins. Es spielten unter anderem noch die Bands Dypsomania, Bells & Whistles und Dapple Rose. Leider waren Alex und Georges von vornherein benachteiligt. Gegenüber der anderen Bands besassen sie nur unzureichendes Equipement, und Alex verfügte auch nicht über ein Effektgerät für den Gesang. Drumcomputer, Stimme und Keyboard mussten sie durch ihren Keyboard-Verstärker spielen. Um die nötige Lautstärke zu erreichen, mussten sie den Verstärker bis zum Anschlag aufdrehen, wodurch die Soundqualität wegen der Verzerrungen erheblich darunter litt. Unglücklicherweise hatten die beiden mit ihrer Musik auch noch einen schweren Stand, da die Zuschauer allesamt nur auf Hard-Rock standen und die meisten von ihnen nur wegen Bells & Whistles und Dapple Rose gekommen waren. Alex und Georges merkten schnell, dass sie total fehl am Platze waren. Zudem spielten sie ihre drei Stücke auch noch ziemlich schlecht. Für Short Circuit war es die erste grosse Niederlage. Das einzig Positive daran war, dass ein Kollege von Alex mehrere Fotos machte.

Am 6. Oktober 1992 kam für Alex der nächste Schock: Georges verschwand plötzlich auf mysteriöse Weise und blieb seitdem verschollen. Da er niemandem eine Nachricht hinterliess, gingen bald die verschiedensten Gerüchte umher. Am meisten litt Alex unter seinem Verschwinden, da er sein bester Freund war. Er wusste auch sofort, dass sein Ausstieg das Ende für Short Circuit bedeutete. Wann würde er jemals wieder einen geeigneten Mitarbeiter finden?

Doch im Frühjahr des Jahres 1993 erklärte ein Freund von Alex, Peter Fabrice, sich bereit, als Keyboarder einzuspringen. Er war übrigens auch einer von Georges' besten Freunden und war daher ebenfalls sehr von seinem Verschwinden geschockt. Man begann sofort mit dem Üben, die Stücke The Flight und Exit wurden neu aufgenommen, diesmal in einer durchaus vorzeigbarer Qualität.

Leider konnte Fabrice einige Wochen darauf aus zeitlichen Gründen mit den Proben nicht mehr fortfahren. Da er aber wusste, dass Alex sehr viel an der Musik lag, half er ihm, nach einem neuen Mitarbeiter zu suchen. Fabrice hielt sein Versprechen und so stiess Alex im Juni 1993 auf Cafiero Adolfo, ein Bekannter von Fabrice. Aber nach einigen Proben stieg auch er aus, ohne aber genauere Gründe dafür zu nennen. Alex fühlte sich im Stich gelassen und hatte die Nase voll. Er hatte keine Hoffnungen mehr, einen geeigneten Mitspieler zu finden und gab daher die Suche auf.

Aber einen Trost hatte er: Short Circuit war nicht tot, sondern wurde in einem gewissen Sinne zu einer Legende, allein schon wegen Georges' rätselhaftes Verschwinden, da jeder ihn kannte. Ausserdem war Short Circuit die erste Dark-Wave-Band in Luxemburg. Seitdem wird Alex noch heute von Leuten angesprochen, die damals bei einem Konzert dabei gewesen waren.

Doch schon bald sollte das Blatt sich wenden. Anfang Juli 1993 lernte Alex zufällig Mira Paulo (21) kennen. Als er erfuhr, dass Paulo total auf Wave, Elektronik und Industrial stehe, sah er eine Chance und machte ihm den Vorschlag, zusammen ein neues Wave-Projekt zu starten. Paulo war sofort dabei und so wurde Elyzium for the Sleepless Souls geboren. Alex übernahm die Keyboards und Paulo den Gesang. Die Musik war nun was total anderes: Elektronisch-experimenteller End-70ger-Wave (Mischung zw. John Foxx, Bauhaus und den frühen Human League).

Als erste Songs probte man Slipping into Darkness und Past, Present and Forever ein, wo Paulo die Texte dazu schrieb. Er entpuppte sich bald als begnadeter Sänger. Auch Alex bewies, dass er weit bessere Fähigkeiten als Keyboarder besass als beim Gitarrespielen oder Singen. Ausserdem verstand er es, minimalistische und sehr eingängige Melodielinien zu komponieren. Während Slipping into Darkness noch sehr melodiös klang, war Past, Present and Forever ein sehr düsteres Stück mit Ambient-Charakter.

Nach und nach probte man weitere Stücke ein, unter anderem auch eine Coverversion von Noone ever leaves der deutschen Wave-Rock-Band Permanent Confusion. Alex hatte mittlerweile den Kassettenrecorder repariert und so konnte man einige Stücke aufnehmen, um zu hören, wie das Ganze klang. Er arbeitete gezielt darauf hin, dass die Songs auch wirklich nach frühem Elektronik-Wave klangen, doch es erwies sich als sehr schwierig, die digitalen Werksounds so zu verarbeiten, dass sie nach analogen Sounds klangen. Doch mit Hilfe einiger Effektgeräte (Chorus, Flanger) konnte er dies wenigstens halbwegs realisieren.

Und es sollte auch nicht lange dauern, bis die beiden ihren ersten Auftritt bekamen. Eine Freundin von Alex gab am 11. September in Niederkorn eine Underground-Party und stellte ihnen die Garage als Konzertraum zur Verfügung. Allerdings bekamen die beiden das Angebot erst einige Tage davor und so hatten sie nur wenig Zeit, ihr Repertoire einzuspielen.

Doch am Tage des Konzerts klappte alles wie am Schnürchen. Die Musik kam bei den Leuten sehr gut an. Fünf Songs wurden gespielt, darunter auch The Flight von Short Circuit in Originalversion, wobei Paulo die Keyboard-Parts übernahm. Alex hatte sich vorgenommen, dieses Stück bei jedem Konzert als Widmung für seinen besten Freund und Mitarbeiter Georges zu spielen. Besonders grossen Beifall gab es für das Stück Disintegrating Circle, ein ehemaliges Lied von Short Circuit. Es hatte zwar nicht mehr im geringsten was mit dem Original gemeinsam, da Alex es ganz umgeschrieben hatte. Als letztes wurde Last Exit for the Lost gespielt, und damit es nicht allzu monoton klang, spielte der Sänger der Punk-Band The Escape Metz Oliver die Keyboardlinie, während Alex auf der Gitarre die Akkorde improvisierte. Das Konzert wurde sowohl mit dem Kassettenrecorder wie auch mit der Videokamera aufgenommen.

Auch Oliver spielte an jenem Abend, diesmal als Ein-Mann-Band. Er brachte sein Aufnahmegerät mit und liess seine Instrumentalstücke über Alex' Keyboard-Verstärker abspielen, während er dazu Gitarre spielte und sang. Allerdings konnte er nicht lange spielen, da wegen der Lautstärke die Polizei anrückte. Die Party allerdings dauerte noch bis in die frühen Morgenstunden, was zur Folge hatte, dass viele Alkoholleichen erst ihren Rausch ausschlafen mussten, bevor sie nach Hause gehen konnten.

Bereits drei Wochen später hatten die beiden ihren nächsten Auftritt, und zwar im Café L'Evasion in Esch/Alzette, am 1. Oktober 1993. An jenem Tage nutzte man den ganzen Nachmittag zum Üben, so dass man erst am Abend hinfuhr. Alex musste mit den Vorbereitungen für das Konzert allein zurecht kommen, da Paulo noch mal weg musste. Alex hatte gerade erst mit dem Aufbau der Instrumente begonnen, als ihm plötzlich eine Panne passierte. In der Eile und in der Dunkelheit schloss er das falsche Netzteil an den Drumcomputer. Es brummte kurz aus dem Verstärker, dann ging nichts mehr. Auch mit dem richtigen Netzteil lief das Gerät nicht mehr! Zum Glück funktionierte es aber mit den darin enthaltenen Batterien, und seit dem Vorfall beim Short Circuit-Konzert im August vorigen Jahres wusste Alex, dass die Batterien ohne Problem für ein ganzes Konzert ausreichen würden. Und es verlief auch alles glatt, und die Leute waren total begeistert, obwohl manchmal improvisiert werden musste und Paulo nicht mal die Texte auswendig wusste und daher öfters vom Blatt ablesen musste. Auch litt er unter Lampenfieber, so dass er einige Gläser Whisky runterkippen musste, damit er die Nerven behielt. Viel Beifall erntete Alex mit The Flight, als er mit seiner furchtbar depressiven und leiernden Stimme loslegte und dabei seine Gitarre kreischen liess. Als Zugabe wurde The Damage done von den Sisters of Mercy gespielt. Eigentlich war das Stück nicht im Listing eingeplant, da Alex und Paulo es erst am Nachmittag vor dem Auftritt in zwei oder drei Versuchen einspielten. Doch wider aller Erwartungen spielten die beiden den Song fehlerfrei und wurden mit tosendem Applaus belohnt. Ebenso grossen Anklang fand das Stück Nature's Revenge, das sie in einer verlängerten Version spielten und dabei auch ihr grosses Improvisationstalent bewiesen. Paulo, mittlerweile total betrunken, sang mit einer fürchterlich morbiden Stimme, die er noch mit starken Delay- und Echoeffekten vermischte. Es sei zu bemerken, dass Nature's Revenge ehemals Past, Present and Forever war. Paulo hatte einen anderen Text geschrieben, so dass er es umbenannte. Die Instrumentierung war aber mehr oder weniger noch die gleiche. Das Konzert endete schliesslich mit weiteren Zugaben. Es wurden folgende Songs aufgenommen: Slipping into Darkness, Noone ever leaves, Nature's Revenge und The Damage done. Obwohl wie immer der Kassettenrecorder benutzt wurde, war die Aufnahmequalität sehr beachtlich.

In den nachfolgenden Monaten machten die Proben sich rar, da Paulo an der Uni in Brüssel studierte und manchmal wochenlang nicht nach Hause kam. Doch Alex blieb nicht untätig. Er schrieb das Stück Last Exit for the Lost in einer verbesserten Version um. Auch coverte er die Songs Black Hit of Space von Human League aus dem Jahre 1980 und Burn von den Sisters of Mercy. Als neues Stück komponierte er noch Instinct of Self-Preservation.

Im November legte er sich weiteres Equipement zu. Er kaufte von seinem Bruder den "Alesis MIDIVERB II" ab, damit Paulo in Zukunft zu seiner Stimme einige Effekte beisetzen konnte und so eine bessere Gesangqualität erreichen konnte. Ausserdem besorgte Alex sich für 21.000- Frl. einen besseren Drumcomputer (Boss DR-660), so dass er noch komplexere Rhythmen programmieren konnte (sein altes Gerät verkaufte er). Vor allem arbeitete er hauptsächlich mit den gesampelten Sounds der früheren analogen Rhythmus-Maschinen (TR-808, TR-909, CR-78). Er konnte auch sogar Basslinien eingeben. Dies nutzte er für Black Hit of Space aus. Auch legte er sich seinen ersten Analog-Synthesizer zu, einen "Korg POLY-61" aus dem Jahre 1983, sechsstimmig mit 64 Speicherplätzen. Er bekam noch einen zweiten, defekten "POLY-61" hinzu für Ersatzteile. Beide Synthesizer kosteten zusammen 12.000- Frl. Allerdings musste Alex bei dem noch funktionstüchtigen Gerät die Tastatur auseinandernehmen und die Kontakte reinigen, da einige Tasten nicht mehr funktionierten. Auch musste er den Frequenzregler des Joystick reparieren, indem er ein neues Poti einbaute und einige defekte Lötstellen ausbesserte. Auch den zweiten "POLY-61" bekam er wieder vollständig hin; Im Laden hatte der Verkäufer angenommen, er sei total hinüber, und dabei war das Gerät nur falsch eingestellt. Auch hier musste Alex die Tastenkontakte reinigen. So besass er zwei funktionstüchtige Analog-Synthesizer und konnte nun endlich seine eigenen Sounds erstellen.

Einen der beiden Synthesizer baute er in ein schwarzes Holzgehäuse ein, zusammen mit dem Drumcomputer und zwei Effektgeräten. Es sollten sich aber später für die nachfolgenden Konzerte erhebliche Schwierigkeiten beim Transport ergeben, da das Instrument sehr sperrig war und mehr einem Sarg glich als einem Synthesizer.

Anschliessend schrieb Alex eine kurze Biographie über seine Musikerlaufbahn und schickte diese zusammen mit einem Foto und einem Tape mit einigen Aufnahmen von Short Circuit und Elyzium for the Sleepless Souls an Luke HAAS, der gerade an einem neuen Rocklexikon arbeitete. Alex und Paulo wollten darin natürlich auch nicht fehlen.

Am 11. Dezember 1993 bekamen Elyzium for the Sleepless Souls ihren nächsten Auftritt, und zwar im Vorprogramm von Available Now und Dapple Rose im Café Steeseler Stuff in Steinsel. Doch das Festival war von Anfang an ein einziges Chaos; erstens gab es Schwierigkeiten, um die PA herbeizuschaffen, und zweitens gab es keine Plakate, so dass Alex gezwungen war, diese selbst zu drucken und sie in einer Nacht-und Nebelaktion an verschiedenen Stellen der Stadt aufzuhängen. Am Tage vor dem Konzert gab es erhebliche Probleme beim Aufbau der Anlage. Es dauerte bis tief in die Nacht, bevor überhaupt ein Ton aus den Boxen kam. Gegen Mittag des nächsten Tages war die PA startbereit. Allerdings mussten noch einige Anschlusskabel gelötet werden. Am Nachmittag gab es dann aber schon wieder Streitigkeiten mit dem Wirt des Hauses, da er den Konzertraum einem Partyteam zur Verfügung stellte, was die Konzertvorbereitungen erheblich störte. Gegen Abend, als das Partyteam abgezogen war, kümmerte man sich um den Sound-Check der Bands, der auch einigermassen glatt verlief, so dass man rechtzeitig vor Konzertbeginn damit fertig wurde.

Doch kurz bevor Elyzium for the Sleepless Souls anfangen sollte, machte der Mann, der die Anlage besorgt hatte und auch das Mischpult während des Konzerts bedienen sollte, sich aus dem Staube. Und so versuchte dann Dapple Rose so gut wie es ging, das Mischpult zu bedienen, wenngleich sie auch nicht sehr viel Ahnung davon hatten. Zu allem Unglück bemerkte man auch, dass die Monitorboxen nicht angeschlossen waren, und es waren auch keine Anschlusskabel mehr vorhanden. Inzwischen hatten sich schon recht viele Leute im Konzertraum eingefunden, so dass Alex und Paulo nicht mehr zurück konnten und spielen mussten. Sie fingen mit Slipping into Darkness an. Doch durch das Fehlen der Monitorboxen hörte Paulo so gut wie gar nicht, was Alex spielte, so dass er bald die Nerven verlor und einfach drauf los improvisierte. Alex selbst hörte aus seinen Synthesizern nur ein undefinierbares, total übersteuertes Brummen und musste ebenfalls improvisieren. Das Stück hörte sich überhaupt nicht mehr nach dem Original an. Das Publikum hörte von der 'Musik' allerdings auch nicht viel; der Drumcomputer verursachte ein solches Getöse, dass sämtliche Wände und Böden bebten! Als die beiden das Stück zu Ende gespielt hatten, bekamen sie trotzdem Applaus von den Leuten (sie wussten ja nicht, wie das Stück wirklich klingen sollte), wenngleich sicherlich die meisten sich fragten, was das für ein Soundbrei gewesen war. Alex und Paulo spielten daraufhin andere Stücke, die sie aber wesentlich besser darboten als am Anfang, vor allem weil Alex sich recht schnell auf die kritische Situation eingestellt hatte und ruhig Blut behielt. So konnte er sich auf die Musik konzentrieren und gab Paulo rechtzeitig Zeichen, wann er singen sollte. Doch während Nature's Revenge gab es schon die nächste Panne; Das Mikrofon fiel aus! Aber nach etwa zwei Minuten hatten die Leute am Mischpult den Schaden schon behoben und die beiden spielten das Stück noch einmal. Als letztes Lied spielten sie noch einmal Slipping into Darkness, diesmal aber mehr oder weniger fehlerfrei. Paulo sprang von der Bühne und sang mitten im Publikum. Wenn auch das Konzert in die Binsen gegangen war, so wollte er wenigstens noch eine Show abziehen, um zu retten, was noch zu retten war. Das gelang ihm dann auch, da das Publikum reichlich applaudierte.

Nach ihnen spielten dann Available Now. Doch ihnen ging es auch nicht viel besser. Vor allem gab es Probleme mit der Einstellung des Mikrofons, denn der Gesang war meistens nicht zu hören. Zu diesem Zeitpunkt verliessen die meisten Leute den Konzertsaal, da sie es satt hatten, noch länger diesen Soundmist anzuhören.

Als dann anschliessend Dapple Rose spielten, waren schon fast keine Zuschauer mehr im Konzertraum. Auch sie hatten mit grossen Soundproblemen zu kämpfen. Zum einen war es viel zu laut, zum anderen hörte man nicht viel vom Bass, dafür aber um so mehr von der Gitarre. Das Ganze war nur noch ein ohrenbetäubendes Geschepper! Paulo war schon längst nach Hause gegangen, während Alex den ganzen Lärm noch bis zur letzten Minute durchhielt, um danach mit Ohrensausen nach Hause zu gehen.

Alex und Paulo hatten sich kaum vom sogenannten 'Chaos-Konzert' erholt, da bekamen sie schon das nächste Angebot. Sie sollten wieder im Café L'Evasion spielen, und zwar am 31. Dezember. Bis dahin fielen die Proben allerdings flach, da Paulo schon seit längerer Zeit mit einer hartnäckigen Erkältung zu kämpfen hatte. Auch an jenem Tage litt er unter Halsschmerzen und Fieber, was sich besonders negativ auf seinen Gesang auswirkte. Alex hatte einige Schwierigkeiten mit dem Equipement. Einer seiner Synthesizer zeigte beim Spiel Ausfallserscheinungen, so dass man manche Stücke von neuem beginnen musste. Auch musste er sich mit einem defekten Kabel herumplagen. Doch die Zuschauer amüsierten sich und liessen sich nicht daran stören, denn schliesslich war es Sylvester. Auf diese Weise kam der Gig doch noch bei den Leuten gut an.

Anfang des Jahres 1994 hatten die beiden vor, eine Pause einzulegen, damit Paulo endlich seine Erkältung auskurieren konnte. Alex hingegen beschloss, während dieser Zeit sein Equipement noch zu erweitern. Er hegte schon seit längerem den Gedanken, sich einen wirklich leistungsfähigen Analog-Synthesizer zuzulegen, mit dem er praktisch unbegrenzte Soundmöglichkeiten hätte. So fuhr er am 16. Februar nach Köln zum MEGAMUSIC, einem Gebrauchtwarengeschäft mit einer riesigen Auswahl an Instrumenten. Darunter befanden sich auch etwa hundert Analog-Synthesizer. Alex brauchte allerdings nicht lange, um seine Wahl zu treffen. Er entschied sich für den "Sequential Circuits PROPHET 5", von dem er schon manches darüber gelesen hatte. Das Gerät kam 1978 auf den Markt und war damals das Nonplusultra der Synthesizerära. Es war fünfstimmig, besass 48 Speicherplätze und war der erste Synthesizer überhaupt, der gleichzeitig polyphon und voll programmierbar war! Bei seiner Markteinführung kostete er 13.500- DM. Alex erwarb ein erweitertes Modell aus dem Jahre 1982. Es besass bereits eine Computerschnittstelle, die "System Interface" hiess und ein Vorläufer des heutigen MIDI war. Alex zahlte für das Instrument den derzeitig aktuellen Gebrauchtmarktpreis von 2.950- DM. Es sei zu bemerken, dass zu dieser Zeit die Welle der analogen Synthesizer gerade einen neuen Boom erlebte und daher die Preise der Gebrauchtgeräte unheimlich in die Höhe trieb. Alex konnte also damit rechnen, dass der Wert des "PROPHET 5" im Laufe der nächsten Jahre noch weiter steigen würde.

In den nächsten Wochen setzte er sich intensiv mit den Möglichkeiten des Instrumentes auseinander und fand dabei immer wieder neuere Sounds. Auch liessen sich unheimlich viele bizarre Spezialeffekte damit realisieren. Ein sehr wichtiger Faktor für Alex war, dass die Frontplatte des Gerätes statt der Tipptaster mit Reglern ausgestattet war. So hatte er direkten Zugriff auf alle Parameter, ohne sie erst wie beim "POLY-61" anzuwählen. Das erleichterte die Soundeinstellung ungemein und er konnte auf diese Weise die Sounds auch während des Spiels verändern. Damit er die Möglichkeiten des "PROPHET 5" voll ausschöpfen konnte, beschloss er, diesen von nun an bei sämtlichen Stücken so oft wie möglich einzusetzen. Das hiess aber, dass er viel Zeit damit verbrachte, die Sounds dazu einzustellen. Doch die Arbeit lohnte sich, denn die Musik klang mit den komplexeren Sounds viel lebendiger. Alex schloss noch einen Chorus an den Synthesizer an, so dass er noch voller und wärmer klang.

Im März konnte er für nur 5.000- Frl. (aktueller Gebrauchtmarktpreis zw. 10.000- und 15.000-FrL.) einen kleinen, monophonen Analog-Synthesizer, einen "Roland SH-09" aus dem Jahre 1980, erwerben. Er benutzte ihn zwar nicht zum eigentlichen Spielen, sondern gebrauchte ihn lediglich zur Erzeugung von Spezialeffekten. Bald darauf konnte er für 16.000- Frl. einen gebrauchten "LANEY"-Bassverstärker ersteigern. Verstärkerteil und Box waren jedoch nicht getrennt, so dass sich wegen des Gewichts und der Abmessungen grosse Schwierigkeiten beim Transport ergaben. Aber Alex fand für das Problem sofort eine Lösung, auch wenn diese ziemlich ungewöhnlich war. Er zerlegte den Bassverstärker kurzerhand in zwei Teile, indem er den Verstärkerteil von der Box absägte. Als Schutz für die Schnittstellen verwendete er selbstklebende Gummileisten, die er mit Polsternägeln aufnagelte. Alex benutzte den Verstärker dazu, um den Drumcomputer darüber laufen zu lassen.

Schliesslich beschaffte er sich noch ein gebrauchtes, etwa zehn Jahre altes 4-Spur-Aufnahmegerät der Marke "VESTAFIRE" für 7.000- Frl. Im Drumcomputer waren nämlich mittlerweile nicht mehr viele Speicherplätze frei, so dass Alex nicht umhin kam, einige recht komplexe Rhythmen mit der Bandmaschine aufzunehmen. So konnte er die Kassette über den Verstärker abspielen lassen und einige Songs im Drumcomputer löschen, damit für neue Sequenzen wieder einige Speicherplätze verfügbar waren.

Dann baute er die Bandmaschine zusammen mit dem "MIDIVERB II" und dem Kassettenrecorder in ein schwarzes Holzgehäuse ein, um so alle Geräte für die nachfolgenden Konzerte sofort bei Hand zu haben, ohne dabei unnötigen Kabelsalat zu verursachen.

In den nächsten Tagen erschien das Rocklexikon von Luke Haas, und Alex war erstaunt darüber, dass sich darin auch ein Artikel über Elyzium for the Sleepless Souls und Short Circuit befand. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Luke Haas auch Underground-Bands behandeln würde.

Am 10. Mai 1994 sollte das Städtische Jugendhaus, welches seit Februar 1993 wegen Drogengeschichten geschlossen war, wieder eröffnet werden. Zur Eröffnungsfeier sollte auch für musikalische Unterhaltung gesorgt werden. Dafür wurden einige Bands mit unterschiedlichen Stilrichtungen gesucht. Da Alex sich stets in der Independant-Szene aufhielt, bekam er natürlich schnell Wind von der Sache und informierte sogleich Paulo davon. Die beiden hatten dann auch keine Probleme, einen Auftritt zu bekommen, zumal Alex von früher her noch gute Beziehungen zum Jugendhaus hatte. Man bereitete sich also darauf vor.

Doch drei Tage vor dem Konzert stellte Alex einen Defekt bei seinem "PROPHET 5" fest; Eine Taste funktionierte nicht mehr, da der Kontaktdraht abgebrochen war. Er konnte den Schaden schnell wieder beheben, indem er ein neues Drahtstück anlötete.

Am Tage der Eröffnung fanden sich neben altbekannten Stammgästen auch viele Politiker ein, darunter auch die Bürgermeisterin der Stadt. Als die Eröffnungsfeier beendet war, spielte dann gleich die erste Band Echerichiacoli. Die beiden Mädchen (Akustische Gitarre und Gesang) besassen allerdings nur sehr dürftiges Equipement, so dass Alex sie noch mit einigen seiner Geräte unterstützte und ihnen auch den Sound-Check machte. Als die beiden zu Ende gespielt hatten, sollte dann Elyzium for the Sleepless Souls beginnen. Doch Paulo war noch nicht eingetroffen. Daraufhin versuchten einige Leute mit improvisierten Liedern die Zuschauer solange zu unterhalten, bis schliesslich Paulo mit einer halben Stunde Verspätung ankam, noch dazu in reichlich angetrunkenem Zustand. Er war nämlich vorher noch auf einer Geburtstagfeier. Die beiden verloren keine Zeit und begannen sofort mit Slipping into Darkness. Den Sound-Check machten sie, während sie spielten! Und es schien, als hätte Paulo nicht schon genug getrunken. Mitten im Stück Black Hit of Space griff er nach der Whiskyflasche, die er unter seiner Jacke versteckt hielt, und nahm einen kräftigen Schluck. Die Zuschauer waren entsetzt, denn alkoholische Getränke waren im Jugendhaus streng verboten. Doch Paulo störte das nicht im geringsten und zeigte den Leuten nur den Finger! Es blieb auch nur bei einem Schluck Whisky und das Konzert wurde ein voller Erfolg. Trotz Trunkenheit war Paulo in bester Form, wenn er auch nicht immer seine Texte wusste. Auch Alex erregte Aufsehen bei den Zuschauern wegen seiner imposanten Synthesizer und seiner Spieltechnik. Er brachte hier erstmals seinen "PROPHET 5" zum Einsatz. The Damage done, Burn und Noone ever leaves kamen bei den Zuschauern besonders gut an. Die beiden spielten gerade das letzte Stück, als zwei Mitglieder von Permanent Confusion eintrafen. Als Zugabe wurde für sie noch einmal Noone ever leaves gespielt. Nach Elyzium for the Sleepless Souls spielten dann African Music und schliesslich Sol & Guests. Es herrschte den ganzen Abend durch rege Partystimmung, die Alex und Paulo auch sehr genossen.

In den nachfolgenden Tagen arbeitete Alex an der Zusammenstellung eines Demo-Tapes mit Probe- und Liveaufnahmen aus seiner bisherigen Musikerlaufbahn. Das Tape "Collected Works 1992-1993" erschien am 17. Mai 1994 und enthielt 17 Stücke von Short Circuit und Elyzium for the Sleepless Souls. Darunter befand sich auch eine Liveaufnahme der Punk-Band The Escape. Alex produzierte eine Auflage von 50 Stück, wobei ein Demo für 200- Frl. erhältlich war. Einige Exemplare sind bis heute übriggeblieben, so dass man sie noch bei Alex bestellen kann.

Unter anderem versuchte Alex, einen alten, defekten "MONTARBO"-Bassverstärker, der schon seit einigen Jahren in einer verstaubten Ecke stand, zu reparieren. Doch der Verstärkerteil war nicht mehr zu reparieren, und so versuchte er, wenigstens noch die Box zu retten. Der Lautsprecher war an einigen Stellen gerissen, doch Alex konnte die Risse von innen mit superstarkem Spezialklebeband wieder zusammenkleben. Die Box selbst befand sich in einem ziemlich ramponierten Zustand. Doch auch dies war kein Problem für Alex. Er zog den Plastiküberzug ab, schnitt einige Reste von braunen und orangefarbenen Teppichfliesen zurecht und nagelte diese auf das Gehäuse. Zum Schluss lötete er am Lautsprecher noch ein neues Anschlusskabel an. So sah der Verstärker wie neu aus und wer weiss, vielleicht würde er eines Tages eine Bassbox brauchen.

Ende Mai hatte Alex wieder Probleme mit seinem "PROPHET 5". Während er darauf spielte, roch es auf einmal nach verschmortem Kunststoff, und aus dem Gerät kam kein Ton mehr, sondern nur noch ein lautes Brummen. Da Alex gleich wusste, dass irgendein elektronischer Baustein durchgebrannt sein musste, blieb ihm nichts anderes übrig, als das Gerät nach Köln in die Reparatur zu bringen. Doch da er keinen Führerschein besass, musste er warten, bis Paulo oder jemand anders Zeit hat, um nach Köln zum MEGAMUSIC zu fahren.

Währenddessen, Anfang Juni, tauchte plötzlich Georges wieder auf! Natürlich stand das ganze Land Kopf, da er bekannt war wie ein bunter Hund und auch damals in der Tageszeitung als vermisst gemeldet worden war. Er war an jenem Tage nach London gefahren, ohne Geld, ohne Nichts. Er hatte es geschafft, sich dort eine ganze Existenz aufzubauen, hatte eine Arbeit und ein Dach über dem Kopf, und nun hatte er Urlaub und war für zwei Wochen nach Luxemburg gekommen. (Über die Ursachen seines Ausstiegs wollen wir aus persönlichen Gründen nicht berichten.)

Am 29. Juni fuhren Alex und Paulo nach Köln zum MEGAMUSIC und liessen den "PROPHET 5" gleich an Ort und Stelle reparieren. Der analoge Tonstabilisator war durchgebrannt und musste ersetzt werden. Sicherheitshalber liess Alex sich auch eine neue Pufferbatterie zur Abspeicherung der Sounds in das Gerät einsetzen. Die Reparaturkosten betrugen insgesamt 50- DM. Anschliessend kaufte er sich für 2.990- DM einen "Roland JUPITER-8", einen Analog-Synthesizer aus dem Jahre 1981 (Preis damals 12.900- DM). Dieser war 8-stimmig, besass 64 Speicherplätze, einen Arpeggiator zur Synchronisation mit Rhythmusgeräten und Sequenzern, eine Funktion für Split/Double Mode u.v.m. Wegen seines fetten Analog-Sounds und seiner vielen Modulationsmöglichkeiten war es einer der beliebtesten Synthesizer der 80ger Jahre.

Aber leider bekam Alex keine Gelegenheit, den "JUPITER-8" auszuprobieren. Noch am gleichen Abend spielte das Gerät auf einmal verrückt und gab schliesslich keinen Ton mehr von sich. Alex versuchte vergeblich, den Fehler zu finden und fuhr schliesslich einige Wochen später mit Paulo wieder nach Köln zum MEGAMUSIC. Jedoch konnten die Techniker den Schaden nicht gleich an Ort und Stelle beheben, da sie ebenfalls erst mal herausfinden mussten, wo der Fehler lag. So kam Alex nicht umhin, das Gerät in der Reparatur verbleiben zu lassen.

Während des Monats Juli machte er sich daran, eine Bassbox zu renovieren, die ihm der Bassist von Dapple Rose geliehen hatte. Der 18"-Lautsprecher war tief eingerissen, da der Bassist sich vor einiger Zeit versehentlich mit einem Stuhlbein hineingesetzt hatte, und es befand sich kein Schutzgitter davor! Alex konnte mit viel Mühe das Loch mit Klebstoff und Spezialklebeband wieder zusammenflicken. Dann sprühte er den Lautsprecher leicht mit schwarzem Lackspray ein, so dass er wie neu aussah und der Riss fast nicht mehr zu sehen war. Dann entfernte er die Glaswolle im Inneren der Box und ersetzte diese durch Styroporplatten. Danach mischte er aus alten Farbresten eine dunkelbraune Farbe an, strich das Gehäuse neu an, brachte Schutzkappen an den Ecken an, befestigte den Lautsprecher mit neuen Nieten und ersetzte die verrosteten Tragegriffe durch neue. Schliesslich schnitt er noch ein Schutzgitter zurecht (dafür musste ein altes Aufhängeregal dran glauben!) und befestigte es am Lautsprecher.

Im August erwarb Alex ein billiges, etwa 15 Jahre altes Mischpult (Boss KM-60) mit sechs Kanälen für 4.000- Frl. Da er immer mehr Instrumente einsetzte, reichten die drei Eingänge am MONTARBO-Verstärker nicht mehr aus. Einige Wochen später bekam er von seinem Bruder das Angebot gemacht, am 24. September in Kopstal im Café Fliedermaus zu spielen, zusammen mit den Bands Clean State, K-Boots und Dapple Rose. Alex zeigte sich allerdings wenig begeistert davon, da er noch das Short Circuit-Konzert vom 26. September 1992 in schlechter Erinnerung hatte, denn der Stil der anderen Bands lag hier ebenfalls zwischen Hard-Rock und Blues. Doch schliesslich liess er sich überreden, da das Festival anlässlich des Geburtstages seines Bruders stattfand. Allerdings hatte Alex wiederum Mühe, Paulo dazu zu bewegen, denn auch er war ziemlich skeptisch. Schliesslich hatte er das Konzert vom 11. Dezember 1993 noch nicht ganz verdaut. Doch letztendlich waren die beiden der Meinung, nicht gleich alles schwarz zu sehen, sondern jede Chance für einen Auftritt zu nutzen. Und so begann man auch bald mit den Proben. Unter anderem wurde das ehemals von Short Circuit stammende Stück In Town eingeprobt. Alex schrieb das Stück allerdings vollständig um. Das Resultat war ein sehr düsteres, aber sehr melodiöses Stück mit schwerfälligem, hartem Drumbeat. Es zählt bis heute den herausragenden Stücken von Elyzium for the Sleepless Souls.

Währenddessen liess Alex keine Gelegenheit aus, um weiterhin günstig an Analog-Synthesizer zu kommen. Als er Anfang September in einer Anzeige las, dass jemand einen "ARP 2600" für nur 2.900- DM zu verkaufen hatte (mittlerer Preis etwa 3.500- DM), überlegte er nicht lange und griff sofort zu. Da der Besitzer in Hamburg wohnte, liess er sich das Gerät per Post nach Luxemburg schicken. Bei dem Synthesizer handelte es sich um ein offenes System, d. h. die einzelnen Module waren zwar wie bei einem herkömmlichen Synthesizer intern fest verdrahtet, doch da diese mit Klinkenbuchsen bestückt waren, konnte man die Module auch extern mit entsprechenden Patchkabeln beliebig miteinander verbinden. Und weil deswegen auch sehr komplexe Verkabelungen möglich waren, ergab sich eine ungeahnte Vielfalt an Möglichkeiten zur Klangerzeugung. Das Gerät war ein transportabler Synthesizer, wobei Gehäuse und Tastatur (monophon) getrennt waren. Beide Teile befanden sich in einem mit schwarzem Vinyl überzogenem Holzgehäuse, so dass das Gerät auf den ersten Blick eher einer alten Telefonzentrale glich als einem Synthesizer. Zu bemerken ist, dass der "ARP 2600" überhaupt einer der ersten Synthesizer war, der auf den Markt kam. Er stammte aus dem Jahre 1971 und kostete in den USA seinerzeit 11.000- $.

Schon etwa eine Woche später kam das Gerät bei Alex an, allerdings ohne die Tastatur, denn diese hatte einen Defekt und verblieb noch bei einem Techniker in der Reparatur. Alex stellte jedoch erschreckenderweise fest, dass das Gerät nicht funktionierte. Der Transformator summte zwar, doch es kam kein Ton. Der Synthesizer musste wohl wegen unsachgemässer Behandlung beim Transport beschädigt worden sein. Und leider kam die Post nur dann für Schäden auf, wenn diese innerhalb von 24 Stunden gemeldet wurden. Alex wollte aber unnötigen Ärger vermeiden und versuchte daher, so schnell wie möglich den Fehler zu finden. Er nahm das Gerät auseinander und entdeckte tatsächlich eine defekte Lötstelle unter der Platine des Transformators. Auch fand er einen Kondensator, der an einem Ende abgebrochen war. Als er die Schäden beseitigt hatte, funktionierte das Gerät einwandfrei. Da hatte er noch einmal Glück gehabt, denn schliesslich waren 2.900- DM kein Pappenstiel! Dass er im Augenblick die dazugehörige Tastatur noch nicht besass, war nicht weiter schlimm, denn er konnte seinen "ROLAND SH-09" als Ersatztastatur benutzen, indem er ihn über entsprechende CV/GATE-Buchsen an den "ARP 2600" anschloss.

Am 24. September fand das schon vorher erwähnte Festival in Kopstal statt. Elyzium for the Sleepless Souls sollten als erste spielen. Nacheinander machte jede Band ihren Sound-Check, da eine Gesanganlage zur Verfügung stand. Paulo musste vorher noch mal weg, so dass der Sound-Check seiner Stimme nicht durchgeführt werden konnte. Sowohl er als auch Alex wussten zwar folgende Regel: Die Band, die als erste spielt, macht als letzte den Sound-Check! Und so dachte Alex, man würde sich, wenn Paulo wiederkäme, noch fünf Minuten Zeit nehmen, um die Stimme einzustellen. Doch leider war es nicht so. Als Paulo wiederkam, mussten er und Alex sofort anfangen. Zudem war der "MIDIVERB II" nicht ans Mikrofon angeschlossen, und Alex war gleich skeptisch, als man ihm sagte, für die nötigen Effekte würde man schon sorgen. Und so fingen die beiden mit dem Stück Black Hit of Space an. Mittlerweile hatten sich zahlreiche Zuschauer eingefunden. Und es trat leider auch das ein, was Alex schon befürchtet hatte. Die Leute, die das Mischpult bedienten, kamen mit der Anlage nicht gut zurecht und konnten daher auch keine Effekte zur Stimme beifügen. Und so kam es, dass nach dem ersten Song viel Zeit verloren ging, um den "MIDIVERB" anzuschliessen und einzustellen. Als zweites Lied spielten die beiden Noone ever leaves. Paulos Stimme war zwar nun einigermassen in Ordnung, aber dafür hatte Alex wiederum Probleme mit seinen Synthesizern. Der Sound war total mies und übersteuert, so dass er fast nicht hörte, was er spielte. So ging nachher wieder Zeit verloren, um nach dem Problem zu suchen. Doch man fand den Fehler nicht, und so musste weitergespielt werden. Während des Stückes Slipping into Darkness bemerkte allerdings ein Mitspieler von Clean State, dass am Mischpult ein Kabel nicht richtig angeschlossen war und machte die Leute, die Anlage bedienten, darauf aufmerksam. So war der Sound zwar besser, doch schon kurz darauf hatte Alex die nächste Panne; aus dem "SH-09" kam plötzlich kein Ton mehr! Was blieb ihm anderes übrig als zu improvisieren und mit nur einem Synthesizer zu spielen. Als letztes Stück spielten die beiden In Town, wobei Paulo sich die Seele aus dem Leib schrie. Er war furchtbar wütend, weil alles schief gelaufen war, und Alex war nicht weniger frustriert. Die Zuschauerreaktion war ausserdem nicht sehr positiv, einige lachten sogar über die beiden. Andere wiederum fanden die Musik sehr interessant, vor allem die Band Clean State; Kurz vor ihrem Auftritt machte der Sänger das Publikum darauf aufmerksam, das man, auch wenn Alex und Paulo technische Probleme hatten, ihre Musik schon aus dem Grunde respektieren solle, eben weil sie anders ist, und dass diejenigen, die darüber lachen würden, keine Ahnung hätten. Anschliessend spielten dann Clean State. Doch es ging ihnen auch nicht viel besser als Alex und Paulo, denn sie hatten ebenfalls Probleme mit dem Sound. Als ihr Konzert zu Ende war, spielten K-Boots und zuletzt Dapple Rose. Bei beiden Bands lief alles problemlos und ihre Musik kam beim Publikum auch gut an. Der Grund war ganz einfach der, dass von Anfang an mehr Wert auf diese beiden Bands gelegt wurde. Erstens konnten sie sich beim Sound-Check mehr Zeit nehmen und zweitens konnten sie viel länger spielen. Hinzu kam, dass die meisten Zuschauer nur wegen ihnen gekommen waren.

Das Schlimmste aber war, dass die Verantwortlichen ihre Unfähigkeit vertuschen wollten, indem sie Alex und Paulo vorwarfen, dass sie sich ihre Niederlage selbst zuzuschreiben hatten! Die Folge war, dass die beiden daraufhin schworen, nie mehr mit Blues- und Hard-Rock-Bands zusammen zu spielen.

Zu Hause überprüfte Alex seinen "SH-09", um herauszufinden, warum dieser während des Konzerts ausgefallen war. Das Gerät lief jedoch nach wie vor einwandfrei, und daraufhin erinnerte Alex sich wieder daran, dass er für diesen Synthesizer sich ein Anschlusskabel von Dapple Rose ausleihen musste, weil er selbst nicht genügend welche dabei hatte. Also konnte nur das Kabel defekt gewesen sein!

Aber schon bald bekam er eine bessere Nachricht. Sein "JUPITER-8" war fertig repariert und so fuhr er am 30. September nach Köln, um ihn abzuholen. Anschliessend machte er sich gleich an die Arbeit, um weitere neue Sounds für die Elyzium-Songs auszuarbeiten. Das nahm zwar viele Tage in Anspruch, aber die Arbeit machte sich bezahlt. Die Musik, nunmehr mit dem "PROPHET 5" und dem "JUPITER-8" eingespielt, klang jetzt weit ausgereifter, da mehr Möglichkeiten zur Verfügung standen. Auch entsprach sie endlich nach Alex lang ersehnter Vorstellung: fetter Analog-Sound, nicht alltägliche Klänge, wie gesagt typisch experimenteller Elektronik-Wave. Seine beiden "POLY-61"-Synthesizer hatten ausgedient. Anschliessend schrieb er noch die beiden ehemaligen Short Circuit-Songs Exit und The Flight um. Das Ergebnis waren zwei düstere, treibende Stücke mit schrägen Sounds und sehr melodiösen Soloeinlagen.

Später brachte Alex seinen "ARP 2600" auf Hochglanz. Das Gehäuse befand sich nämlich in einem ziemlich renovierungsbedürftigen Zustand. Alex nahm es daher auseinander, sprühte es mit schwarzem Lackspray ein und setzte es, nachdem die einzelnen Teile getrocknet waren, wieder zusammen. Das Gerät sah jetzt wie neu aus.

Anfang November, als für alle Songs die definitiven Sounds erstellt waren und auch ein genügend grosser Song-Repertoire verfügbar war, stand Alex nichts mehr im Wege, die Stücke mit dem 4-Spur-Gerät aufzunehmen. In einem Zeitraum von zwei Wochen arbeitete er jeden Tag daran, und es erwies sich als äusserst mühsam, mit den dürftigen Geräten, die ihm zur Verfügung standen, saubere und möglichst rauscharme Aufnahmen hin zu bekommen. Bei hohen Pegeln begann die Bandmaschine selbst schon zu rauschen, und das gleiche Problem trat auch beim alten 6-Kanal-Mischpult auf, welches zudem bei Sounds mit geringem Obertonanteil auch noch leichte Verzerrungen verursachte. Alex musste natürlich auch bei sämtlichen Aufnahmen mit Hilfe seines "MIDIVERB II" einen gewissen Hallanteil hinzufügen. Da das Gerät auch bei hohen Pegeln nur wenig rauschte, versuchte Alex einen Trick, indem er die Pegel des Aufnahmegerätes und des Mischpultes so niedrig wie möglich hielt und die des Effektgerätes so hoch wie möglich setzte. Seine Rechnung ging auf: das Rauschen hielt sich in Grenzen und die Aufnahmen, insgesamt deren neun, waren von vorzeigbarer Qualität. Das Stück Nature's Revenge hatte er neu überarbeitet. Die Gewitter- und Regen-Sounds für das Intro, die erstaunlich naturgetreu klangen, realisierte er mit dem "JUPITER-8". Auch bei anderen Stücken nahm er einige Verbesserungen bzw. Verfeinerungen an den Sounds vor. Für die Instrumentalaufnahmen musste er mit drei Spuren auskommen, denn er musste für Paulos Gesang eine Spur freihalten.

Doch bis zu den Aufnahmen der Gesanglinien sollte noch einige Zeit vergehen, denn Alex und Paulo bekamen nämlich das Angebot gemacht, am 26. November 1994 im Café VOX in Esch/Alzette aufzutreten, so dass die beiden sich einstweilen auf die Proben konzentrierten wollten.

Am gegebenen Tage gaben Elyzium for the Sleepless Souls ein erfolgreiches Live-Konzert ab. Paulo war ebenso wie Alex gut in Form, wenn er auch mal ab und zu von den Texten ablesen musste. Da Alex erstmals seinen "JUPITER-8" einsetzte, zeigte sich endlich auch das wahre Potential der Musik. Auch wurde ein neues Lied gespielt, und zwar das Stück Herzlos der ehemaligen deutschen Elektronik-Wave-Band Stratis. Alex hatte das Stück schon einige Wochen vorher eingespielt, aber da sich der Originaltext in deutscher Sprache befand und Paulo als Portugiese grosse Schwierigkeiten darin hatte, wurde es nie eingeprobt. Auf dem Konzert wollte Alex die Cover-Version aber trotzdem spielen, und so improvisierte Paulo selbst einen Text darauf. Ausser einer kleinen Panne, als wegen Überlastung des Stromnetzes eine Sicherung ausfiel, lief das Konzert reibungslos ab. Obwohl die meisten Zuschauer nur auf Punk und Hardcore standen, zeigten sie sich doch allgemein sehr beeindruckt von der Musik. Und schon bald hatte sich das Konzert der beiden herumgesprochen, was dazu führte, dass Elyzium for the Sleepless Souls zu einem Geheimtip in der Escher Underground-Szene wurde. Nebenbei ist zu bemerken, dass die Leute in der Minette-Gegend im Gegensatz zum übrigen Lande offener sind für andere Stilrichtungen.

Anfang Dezember stiess Alex durch eine Anzeige im Wochenblatt LUXBAZAR auf zwei Leute, die ebenfalls sehr auf Independant-Musik standen: Kleinbauer Patrick (22) und Molitor Frank (24). Er hatte die beiden schon einige Wochen vorher zufällig kennengelernt, sie aber danach wieder aus den Augen verloren. Alex spielte zu jener Zeit gerade mit dem Gedanken, ein zweites Indie-Projekt zu starten und suchte daher nach Leuten, die in Frage kamen. Patrick und Frank wollten ebenfalls eine neue Band gründen und suchten per Anzeige nach Mitgliedern. So kam es, dass Patrick einige Tage später Alex ein Tape mit drei Stücken seiner ehemaligen Hardcore-Band Side FX vorspielte, die letzten August wegen unglücklicher Umstände auseinandergebrochen war. Alex zeigte sich zwar interessiert, bei einem Punk-Projekt mitzuwirken, überlegte aber gleichzeitig, ob man nicht auch was anderes ausprobieren könnte. Jedenfalls gab er Patrick ein "Collected Works 1992-1993"-Tape mit. Als Patrick und Frank sich dann zu Hause das Tape anhörten, waren sie sehr überrascht von Alex' Musik. Beide wussten nämlich bisher nicht, dass es hierzulande überhaupt Leute geben würde, die elektronischen Dark-Wave machen würden. Anschliessend liessen sie und Alex sich in Ruhe durch den Kopf gehen, welche Musik sie von nun an machen sollten. Auf jeden Fall waren sie sich einig, dass es was sehr Extremes werden sollte!

Am 11. Dezember legte Alex sich einen weiteren Synthesizer zu. Er bekam für nur 33.000- Frl. einen "MINIMOOG", ein monophones Gerät aus den 70ger Jahren, welches berühmt war wegen seiner fetten Bässe. Normalerweise bekommt man einen solches Gerät nicht unter 40.000- Frl. Da man mit diesem Synthesizer sehr skurrile Spezialeffekte realisieren konnte, beschloss Alex, ihn deswegen bei den folgenden Konzerten einzusetzen. Ausserdem war der "MINIMOOG" sehr bedienungsfreundlich, da er schnell und leicht umzuregistrieren war, was ja gerade im Live-Einsatz wichtig war. Mit diesem Instrument hatte Alex jetzt sein Synthesizer-Arsenal komplett. Eine Macke hatte der "MINIMOOG" allerdings, nämlich dass die Birne am Einschaltknopf defekt war, so dass Alex stets darauf angewiesen war, genau nachzusehen, ob das Gerät ein- oder ausgeschaltet war.

Anfang des Jahres 1995 begannen Alex und Patrick an verschiedenen Kompositionen und Sounds zu experimentieren, um herauszufinden, welche Musik am besten in Frage kam. Alex jedenfalls wollte etwas völlig Neues schaffen, jedoch sollten auch Patrick und Frank zufrieden sein. Gleich wie die Musik auch klingen sollte, man hatte sich schon von Anfang an geeinigt, dass Frank den Gesang übernehmen würde. Bald hatten Alex und Patrick drei Tracks ausgearbeitet, die zwar verschiedenen Stils waren, aber allesamt ziemlich verrückt klangen. Man nahm diese auf ein Tape auf, damit Frank sein Urteil darüber abgeben konnte und er als Sänger dann entscheiden sollte, welche der drei Kompositionen die Richtung bestimmen sollte. Er brauchte auch nicht lange zu überlegen, denn eines der drei Stücke klang äusserst extrem und morbid und war eigentlich gar keinem Musikstil zuzuordnen: Eine schleppende, sehr tiefe Bassdrum mit langer Einschwingzeit (wurde mit dem "JUPITER-8" realisiert!), ein Dauerton, der in einer langgezogenen Welle auf und ab ging, dazu düstere, rauschende Effekte aus dem "MINIMOOG". Hierbei setzten fürchterlich kreischende und ächzende "Alien"-Sounds dem Ganzen noch die Krone auf. Alex hatte diesen Sound ebenfalls mit dem "JUPITER-8" erstellt, und bisher ist es überhaupt der unmöglichste und zugleich interessanteste Sound, den er je erzeugt hatte. Allerdings hatte er ihn rein zufällig eingestellt, so dass es wahrscheinlich äusserst schwierig sein dürfte, ihn ein zweites Mal hin zu bekommen.

In den folgenden Tagen versuchten Patrick und Alex an weiteren Stücken zu arbeiten, die ebenso bizarr wie das vorher erwähnte klangen. Patrick hatte auch schon einen Bandnamen parat: Mental Decay, was soviel heisst wie "Geistiger Zerfall". Dies traf auch hundertprozentig auf die Musik zu, denn dessen Stil lag so zwischen Throbbing Gristle, Goethes Erben und den frühen Tuxedomoon. Alex versuchte möglichst noch nie gehörte Sounds aus seinen Synthesizern herauszuquälen und ging bis an die Grenzen des Machbaren. Es sei nebenbei bemerkt, dass es nicht weiter schwierig ist, neue Sounds zu erfinden, vielmehr besteht die Schwierigkeit darin, diese auch musikalisch sinnvoll umzusetzen. Doch dieses Problem stellte sich nicht für Mental Decay, denn Ziel war es, absichtlich destrukturierte Musik zu machen, d. h. die Musik zu zerlegen! In diesem Sinne entstand also eine Art "Un-Musik", die zu einem grossen Teil aus unharmonischen Sounds bestand (unharmonische Sounds sind Klänge ohne definierbare Noten, wie z. B. Rauschen, glockenähnliche Töne, Perkussionseffekte usw.). Patrick und Alex arbeiteten mit den Synthesizern verschiedene Kompositionen aus. Bald lagen vier Tracks vor, und so versuchte Frank, einen passenden Gesang beizufügen. Ob es sich dabei wirklich um Gesang handelte, darüber liess sich streiten: es waren ausschliesslich gesprochene Texte, die zum grössten Teil mit durchdringenden Schreien versetzt waren. Obwohl Frank eigentlich gar nicht singen konnte, war seine Stimme für diese Musik hervorragend geeignet, denn er konnte die Texte sehr gut zum Ausdruck bringen. Einfacherheitshalber sang er die Texte zum grössten Teil in Deutsch, da diese Sprache sehr gut zur Musik passte. Ausserdem waren die Texte so für jedermann verständlich.

Währenddessen bekamen Elyzium for the Sleepless Souls die Gelegenheit, am 4. Februar 1995 ein weiteres Konzert im VOX zu geben. Alex hatte daraufhin die Idee, dass man die Chance nutzen sollte, um auch einige Mental Decay-Stücke zu spielen. Patrick und Frank waren sehr überrascht von Alex' Vorschlag, denn man hatte eigentlich noch gar kein Stück genügend eingeprobt. Die vier Tracks, die man bisher vorzuweisen hatte, waren lediglich nur Songgerüste, die fast nur aus reiner Improvisation bestanden. Man hatte noch nicht mal Namen für die Stücke, geschweige denn vollständige Texte!

Doch nichtsdestotrotz wurde noch schnell einige Male geprobt, denn es waren nur noch einige Tage bis zum Konzert. Ausserdem musste Alex auch noch mit Paulo proben. Er konnte dabei zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, indem er die Proben auch dazu nutzte, um Paulos Gesangparts zu den mit der Bandmaschine aufgenommenen Instrumentalstücken beizufügen. Abgesehen davon, dass man einige Schwierigkeiten hatte, die Rückkoppelungen des Mikrofons zurückzuhalten, verliefen die Aufnahmen problemlos.

Schliesslich, am 4. Februar, gaben Elyzium for the Sleepless Souls und Mental Decay ihr Konzert. Die Zuschauer waren diesmal noch zahlreicher erschienen als bei letzten Mal. Zuerst spielten Alex und Paulo, indem sie gleich mit einem Stück begannen, das sie bisher noch nicht gespielt hatten, und zwar The Flight. Dieses Stück kam auch gleich sehr gut bei dem Publikum an. Nach einigen weiteren Stücken spielten dann Mental Decay. Man hatte nämlich beschlossen, dass diese Band nach der ersten Hälfte des Elyzium-Repertoires spielen sollte. So konnte Paulo währenddessen eine Pause einlegen. Patrick und Frank war es allerdings mulmig zumute, denn beide hatten bisher noch nie einen Auftritt gehabt, obwohl sie schon seit 1989 in verschiedenen Bands gespielt hatten. Bisher hatten sie stets das Pech gehabt, dass kurz vor dem ersten Auftritt die Gruppe in die Brüche gegangen war. Ausserdem fürchteten sie, dass ihr Live-Debut ein Fiasko werden würde. Wie das Ganze auch enden sollte, wenn schon die Songs zum grössten Teil improvisiert werden mussten, so wollten die beiden aber wenigstens für einige Showeinlagen sorgen. Patrick hatte sich daher vor dem Konzert die Augen geschminkt, Frank ging noch etwas weiter: Er zog sich eine Mönchkutte über, setzte sich im Schneidersitz auf den Boden und stellte noch eine grosse Kerze hin. Sie sollte ihm Licht spenden, damit er die Texte ablesen konnte (Bei Konzerten wurden stets alle Lichter ausgeschaltet, damit für eine düstere Atmosphäre gesorgt werden konnte). Während Alex und Patrick die Synthesizer 'spielten', sorgte Frank beim Publikum für Aufsehen, indem er seine Texte in einer Stimme aufsagte, die mehr dem Geschrei einer Katze glich als einer Menschenstimme. Da die Zuschauer noch nichts derart Abartiges gesehen hatten, reagierten sie anfangs sehr verdutzt. Manche konnten überhaupt nichts damit anfangen, andere wiederum waren begeistert davon. Alles in allem war die Reaktion des Publikums relativ positiv ausgefallen, was man eigentlich nicht erwartet hatte. Nach Mental Decay fuhren Alex und Paulo mit dem Elyzium-Konzert fort. Auch wurde das Lied Herzlos wieder gespielt, doch sang Paulo nicht alleine. Er rief einen Kollegen herbei und so sangen beide zusammen das Stück I don' t wanna be your dog von Iggy Pop! Dass dies rundum gelungen war, bewies das Gejohle und der Applaus der Zuschauer. Nachdem Alex und Paulo das letzte Stück zu Ende gespielt hatten, gaben sie noch eine Zugabe, indem sie noch einmal Exit hinbretterten. Sowohl Alex als auch Patrick und Frank hatten das Elyzium-Konzert auf Tape aufgenommen, doch war die Aufnahmequalität wegen der schlechten Raumakustik recht mies. Lediglich ein Foto konnte gemacht werden.

Im Laufe des Februars arbeitete Alex weiter an Paulos Gesangaufnahmen für das Elyzium-Tape. Als diese Ende des Monats fertiggestellt waren, begann Alex gleich mit der Abmischung der Songs und gab Paulo auch eine Kopie mit. Als er dann nach Brüssel fuhr, spielte er sie seinem Freund Siebenaler Patrice vor, der mit ihm zusammen die Wohnung teilte. Aber sowohl Patrice als auch Paulo fanden, dass die Aufnahmequalität der Stücke doch ein wenig mangelhaft war. Die Bässe waren etwas unterbelegt und die Höhen dominierten zu stark. Da Patrice auch Musik machte und auch sehr teures Equipement besass, beschlossen er und Paulo, die Rohaufnahmen neu zu bearbeiten und anschliessend digital abzumischen. Alex wollte Anfang März sowieso für einige Tage zu Paulo nach Brüssel gehen, als dieser sich kurz davor bei ihm meldete und ihn beauftragte, das 4-Spur-Gerät und die Tapes mitzubringen. Also packte Alex schnell die Sachen zusammen und fuhr nach Brüssel.

Dort angekommen, setzte er sich gleich mit Patrice zusammen, um mit der Arbeit zu beginnen. Es war allerdings nicht leicht, die Aufnahmen neu abzumischen, denn zuerst musste der Frequenzgang der einzelnen Spuren aufeinander abgestimmt werden. Dann musste noch das Equalizing korrigiert werden und zusätzliche Effekte beigefügt werden. Anschliessend mussten die Aufnahmen auch entrauscht werden. Doch die Arbeit machte sich bezahlt, und sie machte Patrice auch Spass. Er hatte die Möglichkeit, so manches Experiment auszuprobieren, und mit einigen Effekteinlagen (Stereoeffekte, spezielle Delays usw.) konnte er die Aufnahmen auch viel interessanter gestalten. Man begann zuerst mit The Flight. Bei diesem Stück wurde Paulos Gesang an Ort und Stelle neu aufgenommen. Er war nämlich mit der vorherigen Aufnahme nicht mehr zufrieden und wollte diese wiederholen. Nachdem dies getan worden war, tüftelte und feilte Patrice solange an der Aufnahme herum, bis sowohl er als auch Paulo und Alex zufrieden waren. Dann mischte er die Aufnahme auf ein DAT-Tape ab. Zwischen der Originalaufnahme und der DAT-Aufnahme befand sich nunmehr ein gewaltiger Unterschied in der Klangqualität, denn die Aufnahme war so perfekt, dass man sie so, wie sie war, auf CD pressen konnte! Anschliessend bearbeitete Patrice gleich die nächste Aufnahme, und zwar Exit. In den nächsten beiden Tagen nahm er noch zwei weitere Songs auf. Leider musste Alex danach wieder nach Hause fahren, so dass Patrice nicht mehr an den Songs weiterarbeiten konnte. Alex liess sein Aufnahmegerät aber in Brüssel zurück, so dass Patrice wenigstens schon an den wesentlichen Grundeinstellungen arbeiten konnte, bevor Alex nächstes Mal wieder nach Brüssel kam.

Im Laufe des März legte Alex sich noch weitere Geräte zu. Seinen monophonen "Roland SH-09" tauschte er gegen einen "Korg DELTA" um, einen polyphonen, etwa 15 Jahre alten Synthesizer mit einer Stringsektion. Ausserdem konnte er für nur 500- DM einen Digital-Sequenzer mit 500 Schritten, einen "EEH DS-500", ergattern. Das Gerät war ebenfalls etwa 15 Jahre alt und vollständig von Hand gefertigt. Es handelte sich hierbei um einen Digital-Sequenzer der ersten Stunde, von dem heute nur noch wenige Einzelexemplare existieren. Und Alex hatte nun mal eine Schwäche für seltene Geräte. Allerdings musste er noch eine Bedienungsanleitung auftreiben, und bei solch museumsreifen Geräten ist das meistens nicht ganz einfach, besonders dann, wenn nur etwa hundert Stück davon hergestellt worden waren.

Mitte des Monats bekam Alex unerwartet das Angebot gemacht, um mit Elyzium for the Sleepless Souls in der Escher Kultur-Fabrik aufzutreten. Er willigte natürlich sofort ein, da er und Paulo schon lange auf diese Gelegenheit gewartet hatten. Am 8. April sollte ein Wave-Festival stattfinden, das von der deutschen Wave-Rock-Band Permanent Confusion organisiert wurde. Diese sollten an jenem Abend Headliner sein. Da aber noch eine dritte Band gesucht wurde, schlug Alex Mental Decay vor. Als sein Vorschlag angenommen wurde, wurde folgende Reihenfolge festgelegt: 1. Elyzium for the Sleepless Souls, 2. Mental Decay, 3. Permanent Confusion. Alex wollte zur Sicherheit vorher noch einen Auftritt mit Mental Decay organisieren, sozusagen als Generalprobe, damit Patrick und Frank eine gewisse Routine für Live-Auftritte bekommen sollten. Auch wollte man sehen, wie die Leute auf die Musik reagieren würden, wenn man diesmal alleine spielen würde, ohne andere Band. So legte man für den 1. April einen Auftritt im VOX fest.

Im Laufe der nächsten Wochen wurden anschliessend weitere Mental Decay-Songs geschrieben, die älteren Versionen wurden verbessert. Frank schrieb für jeden Song einen vollständigen Text, und Alex versuchte bei den einzelnen Stücken die Struktur der Geräuschkulisse in einem gewissen Masse festzulegen, damit beim Konzert nicht gerade alles drauf los improvisiert werden musste. Zudem betätigte Patrick sich nicht mehr nur als Keyboarder, sondern hauptsächlich als Bassist. Er besass eine alten Bass der Marke "EKO" aus den 60ger Jahren, den er einmal für 5.000- Frl. bekommen hatte. Die Stücke klangen nunmehr wärmer und voller. Patrick hielt aber die Basslinien ebenso monoton und minimal wie die Synthesizerklänge. Die Texte schrieben sowohl er als auch Frank, die sie in sehr krasser und verschlüsselter Art darstellten. Dabei spielte vor allem der Deutsche Expressionismus eine bedeutende Rolle. Alle eingeprobten Stücke nahm man mit dem Kassettenrecorder auf. Schliesslich hatte man kurz vor dem Konzert folgende Stücke vorzuweisen: Schreie, Play with me, Hier ist kein Trost, Wartezeit-Raum, Nebel, Gott, Kellerpanik und Die Ergründung. Beim letztgenannten Stück verwendete man einen Text von Alex, wobei es sich um ein expressionistisches Gedicht handelte, das er Ende 1992 einmal geschrieben hatte. Das stark in sich verschlüsselte Gedicht war nur sehr schwer verständlich, beinhaltete aber eine ganze Philosophie. Als Intro wurde noch das sehr kurze Stück Wahnsinn geschrieben, wobei Frank Mental Decay dem Publikum vorstellen sollte.

Schliesslich, am 1. April, spielten dann Mental Decay im VOX. Es hatten sich eine ganze Reihe von Zuschauern eingefunden. Zuerst spielte man das Intro, wobei Frank ein fürchterliches Gelächter wie das eines Geistesgestörten ausstiess, während Alex rumpelnde und seltsam schwingende Effekte aus seinen Synthesizern klingen liess. Anschliessend begann man mit Play with me, ein relativ melodiöses, aber sehr depressives Stück, wobei Frank den Text mal in einer Stimme eines weinenden Kindes, mal in der eines Teufels sprach, und dazwischen immer wieder durchdringende Schreie. Anschliessend spielte man weitere Stücke. Als man Kellerpanik spielte, passierte Alex ein Unglück. Seine Limonadenflasche, die er auf dem "MINIMOOG" stehen hatte, fiel herunter auf seinen "JUPITER-8", so dass ein Teil der Flüssigkeit zwischen die Tasten und Knöpfe lief. Folglich spielte sofort das Display verrückt, doch geistesgegenwärtig schaltete Alex das Gerät aus, um einen Kurzschluss zu verhindern. Gleichzeitig griff er nach dem Taschentuch, das Patrick in seiner Kostümtasche stecken hatte und konnte so noch einen grossen Teil der Limonade aufwischen. Daraufhin spielte er solange auf den anderen beiden Geräten weiter, bis das Stück zu Ende war. Alex wartete einige Minuten und schaltete den "JUPITER-8" wieder ein. Zum Glück funktionierte alles wieder normal. So konnte man das Konzert auch zu Ende spielen. Es wurden mehrere Fotos gemacht, auch nahm Patrick das Konzert mit seinem Diktaphon auf. Allerdings war die Aufnahmequalität sehr mangelhaft wegen der schlechten Raumakustik, aber immer noch besser als gar nichts.

Die Reaktion der Leute war nicht gerade positiv. Einige waren zwar beeindruckt von Mental Decay, aber die meisten konnten mit der Musik überhaupt nichts anfangen, da sie ihnen einfach zu extrem war. Folglich verliessen fast alle Zuschauer das Café, so dass Mental Decay quasi in einem leeren Raum spielten. Dies war darauf zurückzuführen, dass die Musik noch nicht sehr ausgereift war und ziemlich chaotisch war. Erstens konnte nicht genügend geprobt werden und zweitens musste viel improvisiert werden, weil die meisten Stücke noch immer keine vollständige Struktur aufzuweisen hatten. Zudem gab es zwischen den Stücken öfters etwas längere Pausen, da Alex noch nicht sehr geübt darin war, seine Synthesizer in annehmbar kurzer Zeit umzuregistrieren. Ausserdem war die Akustik im Raum sehr schlecht, und hinzu kommt, dass man während des Konzerts mehrmals gestört wurde, da sage und schreibe dreimal die Polizei anrückte mit der Begründung, die Lautstärke sei zu hoch! Dabei war die Musik gar nicht zu laut, doch leider war die Sache die, dass die Herren Polizisten, wenn sie mal gerade nichts zu tun hatten, hier öfters mal aufmischten, nur weil hier vielleicht 'andere' Leute verkehrten! Was das Konzert anging, hier folgendes Urteil: Ein gelungener Aprilscherz!

Zu Hause angekommen, öffnete Alex das Gehäuse des Synthesizers, um die Limonade von den Platinen zu entfernen, denn Zucker leitet den Strom und hätte unter Umständen einen Kurzschluss auslösen können. Anschliessend liess er das Gerät über Nacht geöffnet, damit auch alles trocknen konnte. Die Zuckerreste zwischen den Tipptastern bekam er allerdings nicht ganz raus, und seither musste er auf manche Taster etwas fester drücken, da diese verklebt waren.

Da nächste Woche schon das Konzert in der Kultur-Fabrik anstand, wurde sofort weitergeprobt, sowohl mit Elyzium for the Sleepless Souls als auch mit Mental Decay. Zudem schrieb Alex das Elyzium-Stück Last Exit for the Lost vollständig um, da er mit der vorherigen Version nicht zufrieden war. Aber jetzt hatte er endlich eine passende Melodie gefunden, so dass das Stück bei weitem besser und lebendiger klang. Patrick versuchte eine dazu passende Basslinie zu spielen. Alex und Paulo bemerkten, dass Patrick sehr talentiert war. Ausserdem klang das Stück mit einer Basslinie viel druckvoller und abwechslungsreicher. Frank versuchte, zu Paulos Gesang eine Backgroundlinie zu singen, und auch das klappte recht gut. So beschloss man, dieses Stück als Abschluss nach dem Elyzium- und Mental Decay-Konzert zu spielen. Ausserdem würde es für das Publikum bestimmt eine Überraschung sein, wenn man ein Stück zu viert spielen würde. So versuchte man, den Song so gut wie möglich einzuspielen, wenn auch nicht mehr viel Zeit zur Verfügung stand. Aber zum Glück hatte Alex das Stück so geschrieben, dass man viele Improvisationsmöglichkeiten hatte.

Am 8. April war es soweit. Schon am frühen Nachmittag rafften Paulo und Alex das nötige Equipement zusammen und fuhren nach Esch/Alzette. Zum Glück brauchten sie nicht ihre Verstärker mitzuschleppen, da eine PA zur Verfügung stand. Als sie gegen 15.00 Uhr dort ankamen, waren Permanent Confusion noch nicht eingetroffen. Dabei sollten sie aber schon anwesend sei, da sie als erste den Sound-Check machen sollten. Wenig später trafen auch Patrick und Frank ein. Da man auf die anderen nicht warten wollte, begann man schon damit, die Instrumente aufzurichten und anzuschliessen. Erst nach 17.00 Uhr trafen Permanent Confusion ein. Auch musste man leider gleich feststellen, dass sie sich relativ eingebildet und arrogant benahmen. So begannen sie mit dem Sound-Check, und sie nahmen sich reichlich Zeit. Etwa eine Stunde später konnten endlich auch Elyzium for the Sleepless Souls und Mental Decay mit dem Sound-Check beginnen. Dazu benötigte man nur etwa eine Viertelstunde. Da noch ein wenig Zeit zur Verfügung stand, nahm man sich auch den Sound-Check für Patrick und Frank vor. Sie wollten nämlich vor Konzertbeginn ein Intro mit Didjeridoo und Bongo-Trommeln spielen. Für die nötige Konzertatmosphäre hatte man vorgesorgt. Dazu wurde extra eine Nebelmaschine angeschafft. Auch wurde der Konzertraum mit einigen Dekorationen versehen, und sogar eine Light-Show war eingeplant.

Während der Konzertvorbereitungen kam es aber bei Alex zu einem Unfall, der ihm an jenem Abend fast zum Verhängnis wurde. Als er auf die Bühne stieg, rutschte er aus und schlug hart mit dem Schienbein auf die Kante auf. Doch zum Glück hatte er sich nichts gebrochen, denn er konnte sofort wieder aufstehen. Aber schon nach kurzer Zeit wurden die Schmerzen unerträglich, so dass es ihm übel wurde und er sich im Backstage hinlegen musste. Dort sah er auch gleich die Bescherung; er hatte eine Platzwunde im Bein. Da es aber nur noch eine halbe Stunde bis zum Auftritt war, half Patrick ihm, mit Hilfe von Taschentüchern und Toilettenpapier schnell einen Verband zu improvisieren. Allerdings stellte man sich die Frage, ob Alex überhaupt in der Lage sein würde, das Konzert zu geben. Schliesslich musste er mindestens zwei Stunden hinter seinen Synthesizern stehen, da er ja in beiden Bands spielte! Doch Alex wollte auf keinen Fall das Konzert absagen und war fest entschlossen zu spielen.

Schliesslich, gegen 21.00 Uhr, spielten Patrick und Frank ihr Intro zum Auftakt des Konzertes, welches auch sehr gut bei den Zuschauern ankam. Leider hatten sich nicht gerade viele Leute zum Konzert eingefunden, was eigentlich auch nicht verwunderlich war, denn es stehen eben mehr Leute auf Gitarrenmusik als auf elektronische Musik. Trotzdem waren die meisten von ihnen altbekannte Fans von Elyzium for the Sleepless Souls.

Gleich danach kamen Alex und Paulo auf die Bühne. Alex ging es mittlerweile etwas besser, und er war sich sicher, dass er die beiden Auftritte ohne grössere Probleme durchstehen würde. Die beiden begannen mit Black Hit of Space, und zum ersten Mal hatten sie einen wirklich hervorragenden Sound. Sowohl die PA als auch die Monitorboxen waren optimal eingestellt, und die Instrumente waren ebenfalls perfekt aufeinander abgestimmt. Auch das Publikum hatte gleich erkannt, das sich die wahre Qualität und Wirkung der Musik erst dann zeigte, wenn die beiden über eine gute Anlage spielen konnten. Als zweites Stück spielten sie Noone ever leaves von Permanent Confusion. Dieses Stück kam bei den Leuten besonders gut an, zumal die beiden das Kunststück fertigbrachten, die Coverversion bei weitem besser zu spielen als das Original! Auch die nachfolgenden Stücke hielten das Publikum bei guter Stimmung. Paulo war so gut in Form wie noch nie. Auch Alex war so auf die Musik konzentriert, dass er nicht mal mehr die Schmerzen im Bein spürte, obwohl er die meiste Zeit mehr oder weniger auf einem Bein stehen musste. Mit Nebel wurde während des Konzerts nicht gespart, und Alex musste deshalb öfters mal blind spielen. Paulo hatte die Texte vor sich auf dem Boden liegen, da er sie immer noch nicht hundertprozentig auswendig wusste. Aber bei dem Nebel war es so gut wie unmöglich, sie zu lesen. Aber die beiden hatten die Situation voll unter Kontrolle und gaben das bisher beste und erfolgreichste Konzert.

Nach Elyzium for the Sleepless Souls spielten dann nach kurzer Umbaupause Mental Decay. Man spielte das Intro Wahnsinn, dann ging es sofort los mit Play with me. An Showeinlagen fehlte es nicht, dafür hatte Frank schon gesorgt; er war in einer schwarzen Kutte gehüllt und trug eine selbstgebastelte Papiermaske. Im lichtdurchfluteten Nebel gab er eine sehr geisterhafte Erscheinung ab. Allerdings traten während des Konzerts einige Schwierigkeiten auf. Alex konnte in der Dunkelheit den Zettel nicht wiederfinden, auf dem er die Programmnummern der gespeicherten Sounds aufgeschrieben hatte. Da blieb ihm nichts anderes übrig als die Speicherplätze seiner Synthesizer solange durchzusteppen, bis er die Sounds für das nächste Stück gefunden hatte. Das nahm natürlich einige Zeit in Anspruch, und ausserdem musste er auch noch den Drumcomputer und den "MINIMOOG" umregistrieren. Ein weiteres Problem war, dass er mittlerweile sehr ermüdet war und sich nicht mehr richtig konzentrieren konnte. Folglich gab es zwischen den Songs Pausen von bis zu fünf Minuten, was sich dann auch relativ negativ auf des Publikum auswirkte. Die Folge war, dass mehrere Leute den Saal verliessen. Doch man liess sich davon nicht einschüchtern, da man mit einer solchen Reaktion rechnete. Nachdem sechs Stücke gespielt worden waren, spielte man als letztes Stück Hit by a rock von der Industrial-Band Throbbing Gristle, welches einige Tage vor dem Konzert noch schnell 'eingeübt' worden war. Hierzu sollte auch Paulo mitsingen, doch leider war das zweite Mikrofon nicht eingeschaltet. So musste Frank alleine singen. Es fiel ihm auch nicht schwer, aus dem Stegreif einen Text zu improvisieren; es genügte schon, wenn er sich die Seele aus dem Leib schrie! Und Alex schockte das Publikum, indem er mit solch wilden und durchdringenden Synthi-Improvisationen loslegte, dass man nur noch sagen konnte: Nichts für schwache Nerven! Aber gerade dieses Stück kam bei den Leuten am besten an.

Schliesslich spielte man als Zugabe Last Exit for the Lost, wobei alle vier spielen sollten. Mittlerweile war auch das zweite Mikrofon in Betrieb, so dass man gleich damit beginnen konnte. Als Paulo dann zu singen begann, kamen auch die Zuschauer wieder herein, denen Mental Decay zu extrem war. Man merkte gleich, dass die Leute Paulos Stimme sehr zu schätzen wussten und dass diese Musik auch weit beliebter war als die von Mental Decay. Ausserdem machte es optisch einen besseren Eindruck, wenn vier Leute spielten statt nur zwei. Wie auch erwartet heizte Last Exit for the Lost das Publikum voll ein und wurde somit zum Höhepunkt des Abends.

Sogleich spielten schliesslich Permanent Confusion. Sie allerdings hatten grosse Soundprobleme, da sie sich während des Sound-Checks nicht besonders viel Mühe gegeben hatten, ihre Instrumente aufeinander abzustimmen. Auch spielten sie ihre Stücke reichlich chaotisch und fehlerhaft. Man merkte, dass sie frustriert waren, weil fast keine Zuschauer mehr im Saal anwesend waren. Der Gitarrist verlor schliesslich die Beherrschung und warf seine Gitarre von der Bühne, weil er keinen ordentlichen Sound aus ihr herausbekam. Alex ging hin und hob sie wieder auf, doch der Sänger riss sie ihm aus der Hand und knallte sie ihm wieder vor die Füsse. Alex war daraufhin furchtbar beleidigt, denn er hatte es nur gut gemeint. Aber leider waren Permanent Confusion bisher nur an Erfolge gewöhnt. Und solche Leute bekommen dann sehr schnell Starallüren und können dann auch keine Niederlage einstecken.

Als sie schliesslich das letzte Stück spielten, war so gut wie kein Zuschauer mehr anwesend. Wer hatte schon Lust, eine Band zu sehen, die sich nicht gegenüber dem Publikum benehmen konnte und auch noch einen solch schlechten Sound hatte? Elyzium for the Sleepless Souls war eigentlich die einzige Band, die an diesem Abend wirklich überzeugen konnte. Das ganze Festival wurde auch von zwei Leuten mit der Videokamera aufgenommen. Und da Patrick die beiden kannte, war es auch nicht weiter schwierig, eine Kopie von der Aufnahme zu organisieren. Auch wurden mehrere Fotos geschossen.

In den darauffolgenden Wochen legte man mit der Musik eine Pause ein. Währenddessen richtete Alex bei sich zu Hause ein Wohnzimmer ein, welches dann auch der zukünftige Proberaum für seine beiden Bands sein sollte. Ausserdem ist mittlerweile der alte Proberaum zu einem fürchterlichen Saustall geworden. Patrick ging Alex bei der Einrichtung zur Hand, so dass die Renovierungsarbeiten rasch vorangingen, und schon nach etwa einem Monat konnte man im neuen Proberaum Einzug halten. Wegen der Möbel und des hölzernen Fussbodens besass er eine viel bessere Akustik. Als Dank für Patricks Hilfe schenkte Alex ihm die "MONTARBO"-Bassbox. Dann brauchte er sich später nur noch einen Verstärkerteil zu besorgen, wenn er mal einen eigenen Bassverstärker benötigen würde.

In der Zwischenzeit hatte Patrick einen neuen Bass der Marke "IBANEZ" für nur 10.000- Frl. erworben, einschliesslich Case und Stimmgerät. Der Bass war nur etwa 6 Monate alt und hatte neu 40.000- Frl. gekostet. Damit hatte er wirklich ein gutes Geschäft gemacht. Daraufhin erinnerte Alex sich daran, dass Paulo für Elyzium for the Sleepless Souls schon seit langem unbedingt einen Bassisten haben wollte. Und Alex hatte ja in der Kultur-Fabrik selbst gesehen, dass die Musik damit viel besser und ausgereifter klang. Und da er auch gleich bemerkt hatte, dass Patrick grosses Talent am Bass besass, fragte Alex ihn, ob er nicht Lust hätte, als Bassist beizutreten und so die Band zu vervollständigen. Patrick war sofort einverstanden und auch sehr stolz darauf, denn es war schon immer sein Wunsch, bei einer solchen Band mitwirken. Von nun an bestand Elyzium for the Sleepless Souls aus drei Mitgliedern, und Patrick besass natürlich auch gleiches Mitspracherecht.

Ende Mai fuhr Alex wieder für drei Tage nach Brüssel, um zusammen mit Patrice die Abmischung der Elyzium-Stücke fertigzustellen. Als Alex wieder zurückkam, hatte er endlich die fertige DAT-Kassette in der Hand. Am 15. und 17. Juni ging er zusammen mit Patrick ins One World-Studio in Schifflingen, um sich drei CD's aufnehmen zu lassen (für Alex, Paulo und Patrice). Dort wurden an den Aufnahmen noch einige letzte Korrekturen vorgenommen, bevor sie endgültig auf die CD überspielt wurden. Die Kosten für das Remastering und der drei CD's beliefen sich auf 10.000- Frl.

Ende Juni kaufte Alex von dem Bassisten von Dapple Rose die Bassbox für 4.000- Frl. und einen "LANEY"-Verstärkerteil für 10.000- Frl. ab. So hatte Alex einen kompletten Bassverstärker, den Patrick in Zukunft bei den Proben benutzen konnte.

Wenige Tage später besorgte Alex sich in Deutschland für 1.000- DM inklusive einen seiner beiden "POLY-61" einen Vocoder aus dem Jahre 1979, den "Roland VP-330". Das Instrument war kein Synthesizer im eigentlichen Sinne, sondern besass neben einigen Presets von männlichen und weiblichen Chorstimmen einen Mikrofonanschluss, so dass man, während man auf der Tastatur spielte, aus einer einfachen Stimme eine künstliche Chorstimme erzeugen konnte. Auch besorgte er sich für 15.000- Frl. ein gebrauchtes Mischpult der Marke "AUDIOTEK" mit 16 Kanälen. Sein vorheriges altes Mischpult war defekt, und ausserdem besass er mittlerweile so viele Instrumente, dass 6 Kanäle nicht mehr ausreichten. Bevor er das Gerät auf den Müll warf, montierte er noch alle Regler, Potis, Jack-Eingänge und sonstige Teile ab, die er noch gebrauchen konnte. Und da es noch verchromte Regler im 70ger-Jahre-Stil waren, montierte er sie auf seinen "JUPITER-8" und auf seinen Bassverstärker. Alex legte nämlich auch viel Wert auf das optische Design der Instrumente.

Währenddessen bekam Alex die Bedienungsanleitung und den Schaltplan seines Digital-Sequenzers "EEH DS-500" zugeschickt. Er konnte einige Tage vorher nach langen Recherchen endlich den Erbauer des Gerätes, Uwe Hoffmann, ausfindig machen, woraufhin dieser noch eine Anleitung auftreiben konnte und Alex eine Kopie davon zuschickte. Jetzt hatte er endlich die Möglichkeit, vom Sequenzer Gebrauch zu machen. Allerdings stellte er bald fest, dass die eingegebenen Daten nach dem Ausschalten des Gerätes nicht erhalten blieben. Somit konnte also nur die Pufferbatterie leer sein, denn laut Anleitung sollte der Sequenzer einen nichtflüchtigen Speicher haben.

Im Laufe des Monats wurde wieder intensiv geprobt, sowohl mit Elyzium for the Sleepless Souls als auch mit Mental Decay. Man hatte sich ausserdem darauf geeinigt, jeden Sonntag zu proben, um die Stücke in mehr oder weniger festgelegten Versionen einzuspielen bzw. zu überarbeiten. Nur so konnte man ohne viel Stress für ein Konzert vorbereitet sein. Alex wollte die Musik auch vollständig mit analogen Instrumenten einspielen. Allerdings besass er keine analoge Rhythmusmaschine. Er wollte aber auch nicht die "DR-660" benutzen. Da aber Alex' Fantasie so gut wie keine Grenzen gesetzt waren, stellte er die Sounds der Bassdrum und Hihats mit dem "JUPITER-8" ein. Für die Snare und die Cymbals benutzte er den "MINIMOOG". Dann schloss er die Synthesizer an sein 4-Spur-Gerät an und nahm so die Drums auf! Verschiedene Beats musste er vollständig per Hand einspielen, bei anderen konnte er zumindest die Bassdrum oder die Hihats über den Arpeggiator des "JUPITER-8" laufen lassen. Natürlich versuchte er möglichst schräge und druckvolle Sounds hin zu bekommen. Auch hatte er die Möglichkeit, die Beats mit spontan improvisierten Breaks zu versehen. Nachdem die Rhythmen aufgenommen waren, konnte er diese über den Bassvertärker abspielen lassen. Und da er die einzelnen Sounds auch auf zwei bzw. drei Spuren aufgenommen hatte, konnte er beim Abspielen auch deren Lautstärke regeln. Sowohl Patrick als auch Frank waren begeistert von Alex' Experiment, klangen doch die Songs mit diesen Rhythmen viel lebendiger, besonders wegen der improvisierten Breaks. Zwar waren geringfügige Fehler vorhanden (leichte Ungenauigkeiten, Unregelmässigkeiten der Taktschritte), doch war gerade dies die "Würze in der Suppe". Dieses Verfahren zur Einspielung der Drumbeats ist zwar sehr spartanisch, doch es sei bemerkt, dass Human League in ihrer Anfangszeit nach der gleichen Methode vorgingen, allerdings aber mit Hilfe von Sequenzern, was die Realisierung solcher Rhythmen um ein Vielfaches vereinfachte.

Neben Mental Decay probte Alex zusammen mit Patrick ein- bis zweimal die Woche die Elyzium-Songs ein, denn Patrick musste ja die dazugehörigen Basslinien üben. Er verstand es, bei jedem Stück sofort die passende Basslinie zu spielen. Auf diese Weise beherrschte er schon nach einigen Wochen mehrere Songs.

Mitte Juli kam Georges wieder nach Luxemburg und hatte auch vor, endgültig im Lande zu bleiben. Alex war sehr erfreut über Georges' Vorhaben, war er doch sein bester Freund. Georges wiederum war erstaunt darüber, was Alex in der Zwischenzeit in punkto Musik alles geleistet hatte. Natürlich planten die beiden, Short Circuit demnächst wieder neu zu starten und die alten Stücke wieder einzuspielen.

Ende des Monats kam Alex die Idee, seine gesamte Musikerlaufbahn schriftlich festzuhalten und begann sogleich damit, an einer Biographie seiner bisherigen Bands zu schreiben, von den Anfängen im Dezember 1991 bis Jahresende 1995. Allerdings erwies sich die Arbeit als sehr mühsam und langwierig, denn schliesslich musste er sich an alle Ereignisse von ganzen vier Jahren erinnern können, da er kein Tagebuch geführt hatte. Doch zum Glück hatte er ein gutes Gedächtnis.

Im August bekamen Elyzium for the Sleepless Souls und Mental Decay wieder eine Gelegenheit, im VOX zu spielen anlässlich dessen einjähriges Bestehen. Es sollten mehrere Bands am 15. und 16. September spielen, und nach langem Verhandeln mit dem Wirt des Hauses waren folgende Bands in gegebener Reihenfolge vertreten: D' Rotzbouwen, Elyzium for the Sleepless Souls und Mental Decay am 15., Short Circuit und Tights am 16. September. D' Rotzbouwen waren eine Punk-Hardcore-Band und Tights eine Hardrock-Band, in der Paulo seit einiger Zeit ebenfalls Sänger war. Sie hatten schon vorher einige Konzerte gehabt. Alex konnte es organisieren, dass Short Circuit auch am Festival teilnehmen konnte, damit er und Georges die Möglichkeit hatten, zum ersten Mal seit drei Jahren wieder ein Konzert zu geben, und seien es auch nur drei oder vier Stücke.

Während der folgenden Zeit begann Alex auch, an neuen Elyzium-Songs zu schreiben, denn er hatte sich fest vorgenommen, während des Konzerts ausschliesslich neue Stücke zu spielen. Er komponierte gleich drei Songs, und bei zwei von denen schrieb er die Texte dazu wie folgt: The 6 Ways of your Beeing und This Time. Das erstgenannte Stück ist relativ lebendig und tanzbar, während das andere ein sehr langsames, depressives und atmosphärisches Stück war. Das dritte Stück hatte einen schwerfälligen und treibenden Rhythmus, klang aber ebenfalls sehr atmosphärisch. Alex probte die neuen Stücke gleich mit Patrick und Paulo ein. Für das eine Stück, wo Alex noch keinen Text dafür parat hatte, schrieb Paulo spontan selbst einen Text an Ort und Stelle, und zwar innerhalb von sage und schreibe fünf Minuten. Das Stück trug den Titel Lies.

Ende August begann Alex mit dem Entwurf des Covers für das Elyzium-Demo. Dies machte ebenso wie die Biographie auf dem PC. Auch tippte er sämtliche Short Circuit- und Elyzium-Texte ab und druckte diese aus. So hatte er sie endlich sauber in einem Schnellhefter geordnet bei Hand. Jetzt war endlich Schluss mit den fliegenden Blättern!

Anfang September konnte Alex für nur 2.000- Frl. einen analogen Phaser mit dem Namen "COMPACT PHASING 'A'" aus dem Jahre 1970 erwerben. Das Gerät wurde damals in Deutschland von Gerd Schulte entwickelt. Da dieser Apparat nur in sehr geringer Stückzahl hergestellt und verkauft worden war, ist es heute ein reiner Zufall, ihm noch irgendwo auf dem Gebrauchtmarkt zu begegnen. Was die Funktionsweise betraf, so konnte das Gerät nur über einen Fussschalter betrieben werden. Leider besass es noch die speziellen, damals üblichen 6-Pin-Anschlüsse, deren dazu passenden Stecker heute nicht mehr hergestellt werden. Alex aber fand die Möglichkeit, ein Stück Kupferdraht in zwei bestimmte Eingänge des Anschlusses zu stecken und so den Kontakt herzustellen. Jetzt war der Phaser nach dem Einschalten sofort betriebsbereit, ohne erst einen zusätzlichen Fussschalter zu benutzen.

Einige Tage später wurden Alex und Patrick mit einer Hiobsbotschaft von Paulo konfrontiert; er gab bekannt, dass er seine Aufgabe als Sänger aufgeben musste, da er in Zukunft in Brüssel arbeiten würde. In diesem Falle müsste er auch dort leben. Alex und Patrick waren wie vom Donner gerührt. Beide wussten sofort, dass dies das Ende von Elyzium for the Sleepless Souls bedeuten würde, denn sie würden nie wieder jemanden finden, der Paulos Gesangpotential besässe. Aber die Sache war nicht zu ändern und sie mussten sich damit abfinden. Das hiess aber noch lange nicht, dass die beiden die Band auflösen würden, vielmehr suchten sie gleich nach einem Ersatzmann. Der einzige, der überhaupt in Frage kam, war Georges, auch wenn er vielleicht nicht mit Paulos Stimme mithalten konnte. Jedenfalls war er an dem Angebot interessiert, und man konnte sich auch sicher sein, dass er sich Mühe geben würde. Allerdings stellte sich das Problem, ob er überhaupt die Zeit dafür besass, denn er musste sich erst mal wieder fest im Lande etablieren. Auch war er zur Zeit auf Arbeitsuche. Wie dem auch sei, falls er einmal als Sänger mitwirken sollte, dann musste der Bandname geändert werden, denn er hatte eine ganz andere Stimme als Paulo. Somit würde der Musikstil sich zwangsläufig automatisch ändern.

Paulo wollte aber noch unbedingt sein letztes Konzert im VOX geben, so dass er sich bemühte, in den folgenden beiden Wochen wenigstens noch bei zwei Proben anwesend zu sein. In dieser Zeit gab es viel Arbeit für Alex. Schliesslich musste am Festival alles klappen. Für das Short Circuit-Konzert stellte er folgendes Listing zusammen: Exit, Exercise one, The Flight, A Forest und The Damage done. Diese Stücke wollte er erst am Tage des Konzerts zusammen mit Georges einproben. Die beiden würden ja noch den ganzen Nachmittag Zeit haben, und das musste eigentlich genügen. Alex wollte aber noch ein weiteres Stück einspielen, und zwar One of these Days von Pink Floyd aus dem Jahre 1970, ein sehr düsteres und hauptsächlich instrumentales Stück. Georges fand die Idee hervorragend, und so begann Alex gleich damit, das Stück einzuspielen. Und nachdem er auch die geeigneten Sounds gefunden hatte bzw. den Rhythmus programmiert hatte, brachte Georges bei der darauffolgenden Probe seinen alten, mittlerweile renovierten und auf Hochglanz polierten Bass mit. Es war nicht weiter schwierig, das Stück in den Griff zu bekommen. Das einzige Problem bestand lediglich darin, synchron miteinander zu spielen, doch dies hatte man bald unter Kontrolle. Für Georges war es auch nicht schwierig, den einzigen im Stück vorkommenden Satz ins Mikrofon zu plärren.

Zur gleichen Zeit arbeiteten Patrick und Frank an den Entwürfen der Plakate und Flugzettel. Auch Alex entwarf seine eigenen Plakate. Schon nach kurzer Zeit hingen diese in der ganzen Stadt bzw. in der Minette-Gegend.

Später kamen Alex und Patrick auf die Idee, für das kommende Festival dem Publikum eine Überraschung zu bieten: Sie wollten Bela Lugos's dead von Bauhaus spielen. Man sprach sich mit Georges, Frank und Paulo ab, die auch sofort damit einverstanden waren. Somit hatte jeder folgende Aufgabe: Alex sollte für die nötigen Effekte sorgen, wobei Paulo und Frank zusammen den Gesang übernehmen würden. Georges sollte den Bass spielen und Patrick die Gitarre. Also wurde das Stück noch schnell einige Tage vor dem Festival eingeprobt. Allerdings konnte Paulo bei den Proben nicht anwesend sein. Aber für ihn sollte ein improvisierter Gesang wohl kein Problem darstellen, da er ein wahrer Meister darin war. Ausserdem kannte er das Stück recht gut. Bei den Proben aber stiess man auf das Problem, wie man die Spezialeffekte so realisieren könne, dass sie denen der Platte entsprachen. Aber für Alex gab es grundsätzlich keine Probleme, sondern nur Lösungen, und auch hier hatte er eine Alternative parat: Er benutzte seinen Drumcomputer, da dieser recht viele der benötigten Perkussionseffekte zu bieten hatte. Auch besass das Gerät einen Stereoausgang. Alex legte den Rhythmus auf den rechten und die Effekte auf den linken Kanal. Zwischen dem linken Kanal und dem "MONTARBO"-Verstärker schloss er den "MIDIVERB II" an, womit er die Klänge mit starken Echoeffekten versetzen konnte. So konnte er auf die Pads am Drumcomputer drücken und auf diese Weise die Effekte willkürlich klingen lassen, während unabhängig davon der Rhythmus lief. Er hatte noch dazu die Möglichkeit, mit dem Pitch-Rädchen die Effekte nach oben oder nach unten zu transponieren. Und so klangen sowohl der Beat als auch die Effekte recht originalgetreu.

Als Alex schliesslich noch die Listings der Elyzium- und Mental Decay-Songs aufgesetzt hatte, machte er sich daran, die Sounds in seinen Synthesizern gleich nach der richtigen Reihenfolge zu setzen, um das lästige und zeitraubende Durchsteppen der Programme zu vermeiden. Am Tage vor dem Konzert schrieb er noch schnell die Short Circuit- und Elyzium-Texte in vergrösserter Schrift auf dem Computer ab, damit sowohl er als auch Paulo die Möglichkeit hatten, die Texte ohne Schwierigkeiten ablesen zu können.

Schliesslich war es dann am 15. September soweit. Die Rotzbouwen sollten als erste spielen. Da sie aber nur spärliches Equipement besassen und auch nicht über eine Gesanganlage verfügten, half Alex ihnen mit dem "MIDIVERB II" aus, welches er über das Mischpult an seinen "MONTARBO"-Verstärker anschloss. Als sie dann spielten, kontrollierte Alex die Lautstärke vom Mischpult aus. Da die Band aber sehr laut spielte, war es nicht sehr einfach, den Pegel der Stimme genügend hoch zu setzen, ohne dabei Verzerrungen zu verursachen. Trotzdem musste Alex den Regler fast bis zum Anschlag aufdrehen, anderenfalls hätte man vom Gesang überhaupt nichts gehört. Nachdem die Rotzbouwen zwei Stücke gespielt hatten, hatte Alex inzwischen einen relativ annehmbaren Sound für den Gesang hinbekommen. Er sparte auch nicht mit Halleffekten, denn er konnte so den Pegel der Stimme noch etwas anheben. Das Konzert der der Band verlief sehr erfolgreich, denn diesmal waren so viele Zuschauer anwesend, dass das Café zum Bersten voll war. Die Rotzbouwen beendeten ihren Auftritt mit einer Zugabe.

Kurz darauf spielten Elyzium for the Sleepless Souls. Patrick hatte sich vor dem Auftritt noch etwas zurechtgemacht, so dass er viel zum Image der Band beitragen konnte. Gleich mit dem ersten Stück The 6 Ways of your Beeing heizten die drei die Zuschauer ein. Als zweites Stück wurde zum ersten Mal seit fast zwei Jahren wieder Nature's Revenge gespielt. Patrick machte dabei am "MINIMOOG" die Wind- und Rauscheffekte. Sowohl dieses als auch die nachfolgenden Stücke kamen bei den Zuschauern gut an. Viele Leute waren auch erstaunt darüber, dass die Band diesmal einen Bassisten hatte und noch dazu mit vielen neuen Songs überraschen konnte. Das Konzert lief gänzlich ohne Probleme und Pannen ab. Paulo meisterte hervorragend seine Aufgabe als Sänger. Nur Patrick hatte einige leichte Schwierigkeiten mit seinem Bass, da dieser sich manchmal ohne erkennbare Ursache verstimmte. Als letztes wurde das altbekannte Stück Slipping into Darkness gespielt, diesmal aber mit neuen Sounds; Alex war mit den vorherigen Sounds nicht mehr zufrieden, und so hatte er einige Tage vor dem Konzert das Stück mit neuen und interessanteren Klängen überarbeitet.

Als dann Bela Lugos's dead gespielt werden sollte, musste Georges erst mal geweckt werden, denn er war so betrunken, dass er im Sessel eingeschlafen war. Auch hatte er Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Als er sich wunderte, warum wohl aus seinem Bass kein Ton herauskam, machte Alex ihn darauf aufmerksam, er sollte mal den Bassverstärker einschalten. Als er immer noch keinen Sound aus dem Bass hörte, musste Patrick ihm sagen, dass er auch am Lautstärkeregler drehen müsste! Bald darauf spielte man das Stück. Als Frank mit dem Gesang begann, sang Paulo einfach mit. Alex machte die Effekte zu den Drums und Patrick liess seine Gitarre in einem Rasiermessersound klingen. Nur Georges wusste nicht, was er spielen sollte. Er torkelte umher und konnte fast nichts mehr aus seinen Augen sehen. Er hatte daher grosse Probleme, die Saiten auf seinem Bass zu finden. Er zupfte nur gelegentlich daran und spielte total falsch. Allerdings liessen die Zuschauer sich nicht daran stören, da das Stück auch so wiedererkennbar war. Es wurde in einer Version von fast zehn Minuten Länge gespielt. Zum Schluss erzeugte Alex mit seinem "JUPITER-8" den Sound eines stürmischen Windes, was auch sehr gut zum Stück passte. Nach Bela Lugos's dead gab es einen Riesenapplaus. Anschliessend gab Paulo bekannt, dass dies sein letztes Konzert war, weil er bei Elyzium for the Sleepless Souls aufhören werde.

Danach sollten Mental Decay spielen. Doch da es aber mittlerweile schon 23.00 Uhr war, beschloss man, das Konzert nicht zu geben. Sonst würden nämlich bald die Herren in Uniform aufkreuzen, und man wollte sich keinen unnötigen Ärger einhandeln.

Tags darauf probten Georges und Alex die Short Circuit-Stücke ein. Doch es wollte nicht so recht klappen, da Alex aufgrund des Konzerts vom vorigen Tage und der Vorbereitungen der letzten Wochen stark ermüdet war und sich nicht konzentrieren konnte. Auch war er beim Gitarrenspielen aus der Übung bekommen, da er seit fast drei Jahren nicht mehr gespielt hatte. Sowohl Georges als auch Alex mussten einsehen, dass es so keinen Zweck hatte, denn bis zum Abend würden sie die Stücke nicht in den Griff bekommen. Alex musste daher den Auftritt absagen. Und so spielten an jenem Abend nur Tights. Das Konzert wurde wie Elyzium for the Sleepless Souls ein voller Erfolg.

Alle Auftritte, die an den beiden Abenden stattfanden, wurden von Patrick und Frank mit der Videokamera aufgenommen. Von Elyzium for the Sleepless Souls wurden auch mehrere Fotos gemacht.

Für den Rest des Monats wollte Alex mit der Musik eine Pause einlegen, damit er sich von den Anstrengungen der vergangenen Wochen erholen konnte. Auch hatte er sich vorgenommen, nicht mehr an zwei aufeinanderfolgenden Tagen zu spielen bzw. in drei Bands gleichzeitig zu spielen. Er hatte ja selbst gesehen, dass er auf diese Art überfordert sein würde.

Einige Tage später traf Paulo sich mit Alex und teilte ihm mit, dass er vielleicht doch wieder bei Elyzium for the Sleepless Souls singen würde. Ab nächstes Jahr würde er nicht wie geplant in Brüssel, sondern hier in Luxemburg arbeiten, da er eine Stelle angeboten bekam, die ihm zusagte. So würde er auch wieder Zeit für die Musik haben. Man plante deshalb auch schon das nächste Konzert, welches aber erst in etwa zwei oder drei Monaten stattfinden sollte.

In der Zwischenzeit arbeiteten Patrick und Frank an einem Konzept, welches sieben Songs von Mental Decay beinhaltete. Das Konzept "M", wie es Frank nannte, sollte eine ganze Geschichte sein, wovon jeder Song ein Teil dieser Geschichte war. Die Reihenfolge der Stücke wurde somit folgendermassen festgelegt: Kellerpanik, Wartezeitraum, Die Ergründung, Play with me, Hier ist kein Trost, Schreie und Gott. Ausserdem entwarfen Patrick und Frank einen Flugzettel, wobei sich auf der einen Seite das Logo von Mental Decay befand. Auf der anderen Seite wurde der Stil der Musik wie folgt beschrieben:

Mental Decay versteht sich nicht als Musik im herkömmlichen Sinne, sondern vielmehr als Versuch einer harmonischen Destrukturation. Expressionistische Schreigesänge, untermalt von einer entsprechenden Geräuschkulisse, erwecken den Gesamteindruck von totaler Desillusion und Trostlosigkeit.

Mental Decay sieht sich als Symbol einer veräusserlichten Darstellung des in einer zunehmend technisierten Gegenwart verlorenen Menschen (Stimme) und seiner pathologischen Geisteszuständen (Synthesizer) im Zeitkontinuum (durch repetitive Basslinien und Drumrhythmen verkörpert).

Als Vorbilder hierzu dienen sowohl der Deutsche Expressionismus des frühen 20ten Jahrhunderts als auch die experimentellen Elektronikklänge der späten 70ger Jahre.

Diese Flugzettel verteilten die beiden dann anschliessend an die Leute, die sich mehr oder weniger für solche Musik interessierten. Auch bei zukünftigen Mental Decay-Konzerten sollten die Zettel unter das Publikum verteilt werden.

Zur gleichen Zeit verschaffte Patrick ein passendes Covermotiv für das Elyzium-Demotape. Er hatte nämlich mit Hilfe des Scanners ein Foto auf den Computer übertragen und konnte so das Motiv auf das von Alex vorbereitete Coverentwurf drucken. Allerdings befand sich das so gedruckte Bild in sehr grober Auflösung, und ausserdem stimmten die Farben nicht. Der Computer hatte die Fotodaten nicht richtig verarbeitet. Patrick wollte aber noch in nächster Zeit versuchen, dieses Problem in den Griff zu bekommen.

Einige Tage später bekam Alex die Gelegenheit, im Radio ARA an einer Sendung teilzunehmen, die von Unkelhausser Christoph geführt wurde. Er hatte nämlich schon mehrmals von der Band gehört und bat daher Alex um ein Interview. Alex ging sofort dahin, da er schon lange darauf gewartet hatte, Elyzium for the Sleepless Souls endlich mal der Öffentlichkeit vorzustellen. Er erzählte die Geschichte der Band und konnte auch mehrere Stücke von seiner CD vorspielen lassen. Unter anderem stellte er noch kurz Mental Decay vor, indem er das Stück Schreie vorspielen liess.

Am 19. Oktober nahm Alex an einer Versammlung in der Kultur-Fabrik teil, wo die Konzertdaten für die folgenden Monate festgelegt werden sollten. Alex konnte ein Konzert auf den 6. Januar 1996 legen, wobei Elyzium for the Sleepless Souls und Mental Decay spielen sollten.

Zwei Tage später schickte Alex den "DS-500" an die Firma EEH Datalink, um die Speicherbatterie ersetzen zu lassen. Auch wollte er überprüfen lassen, ob der Sequenzer auch richtig abgeglichen war.

Etwa eine Woche darauf bekam Alex einen Anruf von Wenner Jacques alias Dr. Monto (Sänger der legendären No Wave-Band Ede Wolf), der jeden Montag Abend im Radio ARA eine Sendung leitete, die ausschliesslich aus alternativer und extremer Musik bestand. Er hatte ebenfalls von Elyzium for the Sleepless Souls gehört und wollte die Gruppe beim GLAM-TRASH-Festival am 8. November im Melusina mitwirken lassen, zusammen mit Electric Bernie Band und Ede Wolf. Alex war mit diesem Angebot natürlich sofort einverstanden und informierte sogleich Paulo davon. Allerdings fiel das Datum auf Mittwoch, und Paulo konnte deshalb nicht nach Luxemburg, da er in Brüssel bis 20.00 Uhr arbeitete. Er würde also nicht rechtzeitig zum Konzertbeginn eintreffen können. Alex schlug deshalb Dr. Monto vor, ob anstelle von Elyzium for the Sleepless Souls nicht Mental Decay spielen könne, wobei Alex ihm auch den Stil der Musik beschrieb. Er nahm ohne Zögern Alex' Vorschlag an, da Mental Decay auch gut zum Konzept des Festivals passte. Für weitere Details würde er Alex noch in den nächsten Tagen Bescheid geben.

Alex teilte sofort Patrick und Frank alles mit, allerdings waren beide sich der Sache nicht ganz sicher, da es nur noch zehn Tage bis zum Konzert waren. Man stellte sich die Frage, ob man genügend vorbereitet sein würde. Auch wusste man, dass im Melusina garantiert keine Leute verkehrten, die sich mit solch extremer Musik anfreunden könnten. Man befürchtete ein Fiasko. Trotz allem war man sich einig, dass man die Sache durchziehen sollte, denn erstens hatte man die Stücke mittlerweile im Griff und zweitens war man auch neugierig auf die Reaktion der Leute, wenn diese auf einmal solch seltsame Musik geboten bekämen. Ausserdem hatte man nicht viele Auftrittsmöglichkeiten. Wenn schon Gelegenheit zum Spielen bestand, so wollte man diese auch nutzen. Und so begann man daraufhin gleich mit dem Einproben des Repertoires.

Ende des Monats stellte Alex auf dem Computer das Booklet mit den Elyzium-Texten zusammen. Er tippte alle Texte in verkleinertem Schriftformat ab, ausser Black Hit of Space, da dieses Stück ja eine Coverversion war.

Anfang November nutzte man die Mental Decay-Proben dazu, um die Stücke systematisch mit dem Kassettenrecorder in möglichst annehmbarer Qualität aufzunehmen. Dies gelang dann auch, und man konnte nun den Leuten wenigstens mal was vorspielen.

Am 4. November reiste Alex wieder nach Deutschland und konnte dort eine analoge Rhythmusmaschine erwerben. Es handelte sich um eine "Roland CR-8000" aus dem Jahre 1980, die mit 24 Presets bestückt war. Das Gerät besass aber auch 8 Speicherplätze für frei programmierbare Rhythmen, was für Alex natürlich das Wichtigste war. Auch waren 12 verschiedene Breaks vorhanden, von denen man 4 davon ebenfalls frei programmieren konnte. Diese Breaks bzw. Intros konnte man willkürlich unabhängig vom Lauf des Rhythmus betätigen. Man hatte aber auch die Möglichkeit, diese auf verschiedene Weise so festzulegen, dass sie sich in einer bestimmte Reihenfolge wiederholten. Sogar die Lautstärke der einzelnen Pads konnte man in Echtzeit regeln. Das Gerät, das vom Äusseren her eher einer Laborwaage glich, besass ausserdem noch Fussschalteranschlüsse für START/STOP und INTRO/FILL IN. Auch war ein TRIGGER IN/OUT-Anschluss und ein SYNCHRO-Anschluss vorhanden, so dass der Drumcomputer mit Sequenzern oder anderen externen Geräten verkoppelt werden konnte. Alex bekam die Maschine für 500- DM und wollte sie von nun an bei Mental Decay einsetzen. Eine Bedienungsanleitung war zwar nicht dabei, aber innerhalb einer Viertelstunde hatte Alex alle Funktionen des Gerätes herausgefunden.

Unterdessen wartete er immer noch auf den Anruf von Dr. Monto, um zu wissen, wie es mit dem für den 8. November geplanten Festival im Melusina weitergehen sollte. Dieser meldete sich jedoch nicht, und Alex konnte ihn auch nicht erreichen. Lediglich eine Nachricht konnte er hinterlassen. Als Dr. Monto sich immer noch nicht gemeldet hatte, ging Alex davon aus, dass das Konzert nicht am geplanten Datum stattfand und teilte dies Patrick und Frank mit.

Am darauffolgenden Tag bekamen Alex, Patrick und Frank vom Radio ARA angeboten, an einer Sendung teilzunehmen, die sich "Den Däiwel steht virun der Dier" nannte und von den Gebrüdern Lex und Pascal Thiel geleitet wurde. Dabei sollte auch Mental Decay vorgestellt werden. Und so bekamen die Zuhörer einen Einblick in die Geschichte der Band. Auch wurden die Stücke Schreie und Play with me vorgespielt. Nebenbei hatten Patrick und Frank die Gelegenheit, einige Lieder ihrer Platten und CD's vorspielen zu lassen und so die Sendung mitzugestalten. Diese bestand übrigens zum grössten Teil aus alternativer Musik, wobei aber alle Stilrichtungen jeglicher Musik vertreten waren, von Popschnulzen à la Heino bis zum extremsten No Wave. Die Klangqualität der Tonträger spielte dabei keine Rolle.

Am selben Abend meldete sich Dr. Monto bei Alex und bestätigte die Absage des Konzerts. Der Grund dafür waren Sponsorprobleme. Das neue Datum legte er auf den 29. November fest. Zwei Tage später traf er sich mit Alex, um somit die Details des Konzerts zu besprechen. Die Reihenfolge der Bands wurde wie folgt festgelegt: 1. Electric Bernie Band, 2. Mental Decay, 3. Ede Wolf. Alex bekam auch mehrere Kopien von Zeitungsausschnitten, die über die bisherigen Ede Wolf-Konzerte berichteten (das sogenannte "Familienalbum"). Anschliessend spielte er Dr. Monto die bisher aufgenommenen Mental Decay-Songs vor. Er fand die Musik äusserst interessant und bat daher Alex um eine Kopie der Aufnahmen. Ausserdem lud er Mental Decay für den 20. November zu einem Interview in seiner Sendung im Radio ARA ein. Dabei würden auch einige Mitglieder von Ede Wolf anwesend sein.

Wenige Tage später bekam Alex den Digital-Sequenzer wieder zurückgeschickt mit beiliegendem Brief, in dem folgende Mitteilung von Thomas Hopf, dem Geschäftsführer der Firma EEH Datalink, darin stand:

''Leider können wir dieses Stück Geschichte nicht weiter überarbeiten. Hier sind nicht etwa die Akkus kaputt, sondern da sind schlicht keine. Wenn Sie das Gerät mit unserem Prospekt vergleichen, werden Sie feststellen, dass da einiges anders ist, wahrscheinlich stimmt auch die Anleitung nicht völlig. Zum Beispiel gibt es in diesem Gerät keinen Trimmer für den Offset. Unserer Schätzung nach muss es sich um den "DS-500" mit der Nummer 2 handeln, der ist komplett handgefertigt, sogar die nackte Leiterplatte haben wir noch selbst geätzt. Der hier verwendete Speicher kann nicht gepuffert werden, deshalb gab es auch keinen Akku. Einerseits schade, andererseits ist dies ein Teil der technischen Musikgeschichte, wenn auch nur für Insider. Die Holzseitenteile sind übrigens nicht von uns. Ich hätte nicht geglaubt, dass noch einer dieser alten Prototypen existiert. Tut mir leid Ihnen nicht weiter helfen zu können.''

Alex besass also mit diesem Gerät eine absolute Rarität und war auch stolz darauf, wenn er auch wegen der fehlenden Speicherbatterie nicht viel damit anfangen konnte.

Am 11. November fuhr er nach Grevenbroich (Deutschland) und holte beim Techniker die Tastatur seines "ARP 2600" ab, da diese endlich repariert war. Zu Hause nahm er die Tastatur komplett auseinander, reinigte sie und sprühte dessen Gehäuse anschliessend mit schwarzem Lackspray ein. Die Tastatur sah nachher ebenso wie der "ARP 2600" ladenneu aus.

Wenige Tage später konnte Alex erneut günstig an einen Analog-Synthesizer kommen. Diesmal handelte es sich um den "Roland SH-101", ein kleiner, monophoner Synthesizer mit einem integrierten Sequenzer mit 100 Schritten. Auch war er reichlich mit Anschlüssen ausgestattet wie CV IN/OUT, GATE IN/OUT, CLOCK usw., so dass er mit vielen anderen Geräten gekoppelt werden konnte. Der Synthesizer war hauptsächlich für den Gebrauch als Soloinstrument gedacht und war auch sehr bekannt wegen seiner druckvollen Bässe, so er auch heute noch viel im Technobereich eingesetzt wird. Alex zahlte 15.000- Frl. dafür, in Wirklichkeit wird er zur Zeit zwischen 900- und 1.500- DM gehandelt.

Am folgenden Tage ging Alex zu Dr. Monto und gab ihm die versprochene Kassette mit fünf Mental Decay-Aufnahmen. Bei zwei Stücken hatte Alex mittlerweile seine "CR-8000" eingesetzt. Am gleichen Abend traf Paulo sich mit Alex und zeigte ihm ein vollständiges Covermotiv für das Elyzium-Tape, das er in der Zwischenzeit auf dem Computer realisiert hatte. Alex und Patrick mussten zugeben, dass Paulos Cover doch besser und auch professioneller aussah als das von Patrick. Zudem war es Patrick nicht möglich, das Cover wegen schon vorhin erwähnter Probleme einwandfrei auszudrucken. Man entschied sich also gemeinsam für Paulos Cover. Allerdings musste er noch einige letzte Korrekturen daran vornehmen, was noch einige Zeit in Anspruch nahm.

Am 20. November fand dann in Dr. Monto's Sendung ein ausführliches Interview mit Mental Decay und Ede Wolf statt. Es wurden mehrere Mental Decay-Songs gespielt. Patrick, Frank und Alex bekamen auch einen Einblick in die Musik von Ede Wolf. Deren 'Musik' war zwar fürchterlich laut, steckte aber voller Energie und Überzeugung. Neben Gitarre, Schlagzeug und Keyboard fanden auch noch Bohrmaschine, Staubsauger, Eisenstangen, Ölfässer und Einkaufswagen Verwendung. Die Ede Wolf-Mitglieder probten ihre Stücke nicht ein, sondern improvisierten sie vollständig auf der Bühne! Lediglich ihre Texte schrieben sie etwa zehn Minuten vor Konzertbeginn.

An den letzten beiden Tagen vor dem GLAM-TRASH-Festival wurde noch eine Generalprobe durchgeführt. Vorher stellte Alex mit der "CR-8000" noch alle erforderlichen Rhythmen zusammen. Nur der Beat für Schreie sollte noch mit der Bandmaschine abgespielt werden. Alle Songs wurden in der Probe so eingespielt, wie man sie auch während des Konzerts spielen würde. Zwischen jedem Stück plante Frank einige Zeilen ein, die er zum Publikum sprechen sollte. Dieser Übergang sollte eine kleine Einleitung zum nächsten Stück darstellen, so dass die Leute erkennen konnten, dass alle Stücke wirklich eine zusammenhängende Geschichte ergaben. Während dieser Übergänge machte Patrick einige einschwingende Effekte am Bass, und Alex konnte in der Zwischenzeit seine Synthesizer umregistrieren. Auf diese Weise gab es keine lästigen Unterbrechungen zwischen den Songs, vorausgesetzt, das Timing stimmte.

Es sei noch zu bemerken, dass Alex für das Stück Wartezeitraum den Sound eines tickenden Weckers benötigte, damit ein Rhythmus vorhanden war, wonach Patrick sich während des Spiels richten konnte. Also nahm Alex einen Wecker, hielt das Mikrofon davor und nahm das Ticken mit dem 4-Spur-Gerät auf. Dies liess er dann über den Bassverstärker abspielen. Zwar machte sich dabei das Eigenrauschen der Bandmaschine doch sehr stark bemerkbar, weil Alex das schwache Ticken mit vollem Pegel aufnehmen musste. Doch das nahm er ohne weiteres in Kauf. Hauptsache, das Gefühl von Zeit kam rüber. Ausserdem setzte er noch schnell ein Intro zusammen, da Patrick und Frank vorher noch eine Show zum Auftakt des Konzerts abziehen wollten.

Am Tage des Konzerts schliesslich raffte Alex das nötige Equipement zusammen und fuhr zum Melusina. Doch er musste noch etwa eine Stunde warten, bis die Mitglieder der anderen beiden Bands eintrafen, unter anderem Dr. Monto. Schliesslich trafen auch Patrick und Frank ein. Die Bands verstanden sich recht gut untereinander, und so gab es auch keine Probleme mit der Aufstellung der Instrumente. Electric Bernie Band begannen dann auch bald darauf mit dem Sound-Check, doch nach einiger Zeit bemerkte man, dass eine der PA-Boxen nicht richtig funktionierte. So ging viel Zeit verloren, um nach der Fehlerquelle zu suchen. Doch als alles nichts half, musste eine neue Box herbeigeschafft werden. Nach einer Stunde konnten auch Mental Decay ihren Sound-Check vornehmen. Alex hatte in weiser Voraussicht sein eigenes Mischpult mitgenommen. So konnte er bis auf den Bass und den Gesang alles selbst kontrollieren, was auch nicht weiter schwierig war, da die Monitorboxen auf der Bühne optimal eingestellt waren. Schon nach kurzer Zeit hatten Mental Decay ihren Sound-Check beendet. Ede Wolf benötigten keinen Sound-Check, was auch nicht weiter verwunderlich war, wenn man sich ihre 'Instrumente' ansah!

Schliesslich, um 21.00 Uhr, begannen Electric Bernie Band zu spielen. Der Stil war gegenüber Mental Decay und Ede Wolf recht konservativ (zw. Rock und Pop mit einigen Jazzanleihen), kam aber bei den Zuschauern allgemein gut an. Als die Band nach einer knappen Stunde zu Ende gespielt hatte, wurde für die nächste Viertelstunde auf der Bühne ein Mode-Défilée vorgeführt. Unter anderem wurde der Ablauf des ganzen GLAM-TRASH-Festivals von einigen Künstlern auch bildlich festgehalten. Sie hatten ihre Staffelei aufgestellt und malten so verschiedene Ereignisse und Szenen, die auf der Bühne abliefen. Während des Défilées zogen Mental Decay sich zurück, um sich für die Show zurecht zu machen. Frank zog sich einen purpurroten Umhang und eine chinesische Maske über. Den Umhang hatte er sich aus einem alten Samtvorhang zusammengenäht. Schliesslich war er so vermummt, dass er eine Kreuzung zwischen Nikolaus und Satan darstellte! Patrick schminkte sich die Augen, und mit Karnevalsmütze und der mit schwarzweissen Rauten besetzten Legginghose sah er aus wie ein Harlekin. Alex hingegen sah mit seinem schwarzem Stirnband noch recht bescheiden aus.

Als das Défilée zu Ende war, ging Alex hinauf auf die Bühne und fing sogleich mit dem Intro an. Wenige Sekunden später kamen auch Patrick und Frank und vollzogen auf der Bühne eine Krönung, d. h. Patrick setzte Frank eine Dornenkrone auf. Alex setzte zeitgleich zu den quietschenden Synthigeräuschen mit einer eingängigen und sehr atmosphärischen Melodie ein, um anschliessend, als Frank Mental Decay vorstellte und in ein furchterregendes Gelächter ausbrach, wieder mit schrägen Klängen fortzusetzen und so das Intro zu beenden. Wie auch immer diese Show ankam, jedenfalls waren die Zuschauer im ersten Augenblick sprachlos, da die meisten überhaupt nicht wussten, was sie davon halten sollten. Das Publikum bestand nämlich wie erwartet zum grössten Teil aus recht konservativen Leuten, die solch schwere 'Musikkost' nicht verdauen konnten. Viele fanden das Intro einfach furchtbar und waren sehr schockiert über die Krönung, weil sie von der Meinung ausgingen, dass Mental Decay den Spott mit Jesus Christus treiben wollte. Andere wiederum fanden die Show schlicht genial und sparten auch nicht mit Applaus.

Sogleich sprach Frank die Zeilen zum Übergang auf das nächste Stück und Alex registrierte seine Synthesizer um. Allerdings schaffte er es in der Aufregung doch nicht ganz, seinen "MINIMOOG" umzuregistrieren, nachdem Frank die Einleitung beendet hatte. Also startete er, um keine Zeit zu verlieren, gleich mit Kellerpanik und versuchte, den erforderlichen Sound während des Spiels einzustellen. Das gelang ihm auch bald, da er ruhig Blut behielt. Während man das Stück spielte, wurden einige Leute übermütig und schrien Worte wie "Musik! Macht mal Musik!". Doch man liess sich nicht im geringsten einschüchtern und spielte den Song in aller Ruhe zu Ende. Die Zuschauer waren nun noch entsetzter, zumal die meisten sich noch nicht ganz vom Intro erholt hatten. Manch einer kam an die Bühne heran mit der Behauptung, wir sollten Musik machen, das sei doch keine Musik. Andere hielten Mental Decay sogar für eine Fascho-Band wegen der deutschsprachigen Texte und schrien Naziparolen wie "Heim ins Reich!". Doch diejenigen, die das behaupteten, waren entweder besoffen oder hatten die Texte und das Konzept total falsch verstanden. Ohne sich um die Reaktion der Leute zu kümmern, spielte man als nächstes Wartezeitraum. Das Publikum hatte sich etwas beruhigt, und spätestens bei diesem Stück hatten die meisten Zuschauer erkannt, dass Mental Decay nicht die Absicht hatten, Krieg und Gewalt zu verherrlichen. Der Sound war hervorragend, alle drei waren in Hochform und hatten alles unter Kontrolle. Nach weiteren Songs begannen immer mehr Zuschauer das Konzert gespannt und andächtig zu verfolgen, auch diejenigen, die die Musik am Anfang noch für unzumutbar hielten. Der Applaus wurde nach jedem Stück grösser, und vor allem die Überzeugung und Selbstsicherheit, mit der die drei ihre Musik rüberbrachten, beeindruckte das Publikum. Bedingt durch ihre Verkleidungen und ihre Show glich das Ganze einer expressionistischen Theateraufführung. Schliesslich, bei Play with me, hatten Mental Decay die Zuschauer vollständig in ihren Bann gezogen. Musik und Show hatten sie mittlerweile so sehr gefesselt, dass sie unwillkürlich den Zwang hatten, ständig ihre Augen auf die Bühne zu richten. Es schien, als hätte die Band das Publikum verhext! Wie dem auch war, zumindest hatte die Musik eine in Trance versetzende Wirkung auf diejenigen, die unter Alkohol- oder Drogeneinfluss standen, da doch tatsächlich einige der Zuschauer auf die eigentlich nicht tanzbare Musik tanzten. Aber das spielte keine Rolle mehr, wenn man auf einem Trip war und die rosa Elefanten die Bäume hochklettern sah! Schliesslich, als die drei als letztes Stück Gott spielten, war das Publikum auf dem Höhepunkt der Stimmung. Mittlerweile waren etwa 200 Leute im Saal anwesend, weit mehr, als man erwartet hatte. Sie verlangten sogar nach einer Zugabe, aber dafür war die Zeit zu knapp, denn es war schon spät, und Ede Wolf mussten ja auch noch spielen. Am Ende des Konzert verteilten Patrick und Frank die Flugzettel mit dem Mental Decay-Logo unter die Leute. Dieses Konzert war bisher der grösste Erfolg für Mental Decay.

Nach diesem Auftritt dauerte es etwa eine halbe Stunde, bis Ede Wolf beginnen konnten. Alex musste sein Equipement wegräumen, da sie mit ihren 'Instrumenten' die ganze Bühnenfläche ausfüllten. Zusätzlich legten sie noch einen grossen Haufen Autoschrott auf den Bühnenrand. Dann begannen sie zu spielen. Die Musik war in der Tat nicht jedermanns Sache, doch sie kam bei den Zuschauern gut an. Etwa zehn Leute standen auf der Bühne und räuberten auf den unmöglichsten Geräten herum: Vom Staubsauger über Motorhaube bis hin zum Harmonium wurde alles benutzt, während Dr. Monto seine abgefahrenen Texte ins Mikrofon brüllte. Das Ede Wolf-Konzert dauerte eine knappe Stunde, bis sie gegen 1.00 Uhr nachts Schluss machten. Allgemein gesehen kann man das GLAM-TRASH-Festival als einen vollen Erfolg bezeichnen.

Anfang Dezember besorgte Alex sich für 3.100- DM ein gebrauchtes 8-Spur-Aufnahmegerät, eine "TASCAM 688 Midistudio", an (Neupreis um 6.000- DM), weil er in Zukunft mit professionelleren Mitteln aufnehmen wollte. Ausserdem würden ihm die vier Kanäle auf seinem 4-Track-Recorder bald nicht mehr ausreichen. Bei der "TASCAM 688" handelte es sich um ein ausserordentliches leistungsfähiges Gerät mit vielen Möglichkeiten, so dass Alex erst mal einige Zeit damit verbringen musste, um die Funktionen des Gerätes zu erforschen. Als er das Gerät aus Deutschland geliefert bekam, stellte er bald fest, dass etwas im Innern klapperte. Er nahm das Gehäuse auseinander und entfernte mehrere Nadeln, die zwischen die Fader hineingefallen waren (Kurzschlussgefahr!). Später kaufte er sich Audiokabel am laufenden Meter, XLR-Stecker und Jack-Stecker sowie zwei Kabel mit XLR-Anschlüssen zum separaten Aussteuern der Sounds im Dual-oder Split-Modus am "JUPITER 8". Anschliessend lötete er die erforderlichen Kabel zusammen und konnte so alle seine Synthesizer an die XLR-Eingänge des Mischpultes anschliessen.

In der Zwischenzeit rückte der Zeitpunkt des Elyzium- und Mental Decay-Konzerts immer näher, und man begann auch bald mit den Proben. Leider war es schier unmöglich, Paulo dazu zu bewegen. So mussten Alex und Patrick das Repertoire ohne Paulo einüben. Die Mental Decay-Proben dagegen verliefen reibungslos. Einige Tage später schnitt Alex das Booklet mit den Elyzium-Texten zurecht und vervielfältigte es. Anschliessend besorgte er sich etwa 30 Kassetten mit 46 Minuten Laufzeit (Das Song-Repertoire dauerte 43 Minuten) und begann mit der Produktion der Demos.

Kurz vor Weihnachten besorgte Alex sich in Belgien für 26.000- Frl. einen weiteren Analog-Synthesizer. Seine Leidenschaft zu diesen Geräten wurde immer grösser. Diesmal handelte es sich um einen "Yamaha CS-30" aus dem Jahre 1979, einen monophonen Synthesizer mit einem integrierten 8-Spur-Analogsequenzer. Das Gerät, welches einen charakteristischen und metallischen Klang hatte, war zur damaligen Zeit hauptsächlich wegen des Sequenzers sehr beliebt. Ausserdem war es wegen seiner vielen Extras (Ringmodulator, Rauschgenerator, Crossmodulation, Sample/Hold etc.) eine wahre Fundgrube für exotische Sounds und ausgefallene Spezialeffekte. Für Soundtüftler wie Alex ist deshalb ein solcher Synthesizer wärmstens zu empfehlen!

Gegen Monatsende bekam Alex von Paulo endlich das fertige Elyzium-Cover. Ausserdem stellte er schnell eine Kassette mit Elyzium-Songs und eine kurze Biographie zusammen und schickte alles zu Fantabilé Promotion Team ein, die die alljährlichen "EURO POP DAYS" in Freiburg im Mai 1996 organisierten. Auch musste er eine Teilnahmegebühr von 1.200- Frl. überweisen.

Am Silvesterabend nahm Alex im Proberaum der Kultur-Fabrik mit seiner 4-Spur-Maschine ein Punk-Konzert auf, die sich die Toxkäpp nannten. Patrick spielte darin die Gitarre, während Frank den Gesang übernahm. Die Band wurde im Oktober gegründet und hatte nun ihr erstes Live-Debut. Das Konzert war ein voller Erfolg, und Alex' Aufnahmen waren auch sehr gelungen. Ausserdem konnte er auch das fertige Elyzium-Tape vorzeigen, mit farbigem Cover und Booklet. Der offizielle Verkauf sollte aber erst am 6. Januar 1996 während des Konzerts stattfinden.

Kurz nach Neujahr erkrankte Alex plötzlich an einer heftigen Magengrippe, so dass zwangsläufig alle Probetätigkeiten eingestellt werden mussten. Auch Patrick und Frank litten an einer Erkältung. Es grassierte nämlich schon seit Wochen eine wahre Epidemie von Erkältungskrankheiten unter der Bevölkerung. Unter anderem war Paulo immer noch nicht zu erreichen, so dass angenommen wurde, dass er ebenfalls krank war. Dies konnte aber bis zum Tage des Konzerts nicht bestätigt werden.

Am 6. Januar stand schliesslich das Konzert im Café der Kultur-Fabrik an. Allerdings quälte Alex sich noch immer mit seiner Magenerkrankung herum. Dann gab es auch noch Probleme beim Transport der Instrumente. Wegen Eisregen und gefährlichem Glatteis konnte Alex keinen Fahrer ausfindig machen, der bei diesem Wetter fahren wollte. Schliesslich erklärte aber einer der Leute aus der Kultur-Fabrik, Claude Bour alias Bourano, sich bereit, Alex von zu Hause abzuholen und die Instrumente mitzunehmen. Gleichzeitig bekam Alex die Nachricht, dass für das Konzert eine PA bereitstand! Dabei hatte man schon Wochen zuvor mit den Organisatoren abgemacht, dass man über die eigenen Verstärker spielen würde. Unterwegs zerbrach er sich den Kopf, was das schon wieder zu bedeuten hatte! Als er im Café eintraf, war Patrick schon anwesend. Er war ebenso wie Alex verärgert darüber, dass die Organisatoren sich nicht an die Abmachung gehalten hatten. Zerknirscht begannen die beiden, die Geräte aufzustellen. Als Alex sein Mischpult an die Endstufe anschliessen wollte, bestanden die Organisatoren auch noch darauf, über das Mischpult der Anlage zu spielen, weil dieses schon betriebsbereit war. So gab es Schwierigkeiten beim Anschliessen der Instrumente, da Alex nur Kabel mit XLR-Steckern mit sich führte, das Mischpult aber nur über Jack-Anschlüsse verfügte. Schliesslich war mittlerweile auch Frank eingetroffen, doch Paulo war bis zum Konzertbeginn nicht angetreten und hatte sich auch nicht vorher abgemeldet. Die Leute aber waren hauptsächlich wegen Elyzium for the Sleepless Souls gekommen. Alex aber wollte Paulo den Rücken decken und erklärte den Organisatoren und Zuschauern, dass er krank sei. Nachdem die Instrumente spielbereit waren, hielt Bourano vor dem Mental Decay-Konzert eine Vorlesung, wie er sie schon einige Male im VOX gehalten hatte. Damit er für die Zuschauer gut sichtbar sein sollte, setzte er sich mit dem Stuhl auf das steinerne Podest, welches in der Mitte des Raumes stand. Während er seine Texte vorlas, trank er reichlich Wein und Bier, bis er gegen Ende der Vorlesung so betrunken war, dass er die Worte fast nicht mehr herausbekam. Als die Vorlesung dann zu Ende war, stellte Alex sich gleich hinter seine Synthesizer. Patrick und Frank gingen aber noch für einige Minuten nach oben, um sich noch für die Show zurechtzumachen. Währenddessen unterhielt Alex die Zuschauer, indem er ein längeres 'Intro' improvisierte. Er drehte wahllos an den Reglern herum und erzeugte dabei derart fürchterliche und abgefahrene Geräusche, dass den Leuten die Haare zu Berge standen. Sogar Patrick und Frank, die alles von oben mitbekamen, lief ein kalter Schauer den Rücken runter, obwohl sie von Alex' Synthi-Orgien doch einiges gewohnt waren.

Anschliessend kamen die beiden wie üblich verkleidet herunter. Frank sass sich im Schneidersitz auf das Steinpodest und so nahm das Mental Decay-Konzert seinen gewohnten Lauf. Spielerisch gesehen verlief das Ganze problemlos, aber soundmässig gab es Schwierigkeiten mit der Einstellung des Drumcomputers und des Basses. Alex aber stand direkt neben dem Mischpult und konnte den Sound während des Konzerts mehr oder weniger kontrollieren. Die Zuschauerreaktion war auch sehr positiv, denn die Mental Decay-Stücke klangen im Gegensatz zum letzten Konzert in der Kultur-Fabrik wirklich sehr ausgereift, und die meisten Leute stellten fest, dass das Konzept "M" wirklich Hand und Fuss hatte. Zudem konnten die drei für eine äusserst düstere und unheimliche Atmosphäre sorgen. Das ging bei manchen Zuschauern sogar so weit, dass diese nach dem Konzert als Kritik vorgaben, die Musik bzw. die Show zwar als sehr gelungen zu bezeichnen, aber nicht in der Lage sein würden, ein solches Konzert ein zweites Mal zu sehen, da ihnen die Musik, die Texte und überhaupt die ganze Atmosphäre zuviel Angst machen würden! Für Mental Decay konnte man dies nur als positive Kritik beurteilen! Nach dem Konzert fand der Verkauf der Elyzium-Demos statt. Da die Zuschauer Eintritt zahlen mussten, wurden die Demos für 100- Frl. verkauft anstelle von 200- Frl. Es wurden etwa 15 Demos verkauft. Patrick, Frank und Alex aber beschlossen, nie mehr in der Kultur-Fabrik zu spielen, da sie betrogen worden waren; sie sollten wie vereinbart 5.000- Frl. Gage bekommen. Sie sahen aber keinen Franken, da die Kosten für das Ausleihen der PA 'zufällig' auch 5.000- Frl. betrugen! Es sollen hier keine Namen genannt werden, aber verschiedene Leute des Komitees standen von da an bei Mental Decay auf der schwarzen Liste!

Am 12. Januar lud Barthelmy Marc Mental Decay zu einem Interview im Radio ARA ein. Dieser hatte eine grosse Vorliebe für extreme Musik, weshalb er auch jeden Sonntag um 23.00 Uhr die Sendung "Number Nine" führte, die gänzlich aus No Wave, Industrial und Avantgarde bestand. Während des Interviews wurden mehrere Mental Decay-Stücke vorgespielt.

Am 16. des Monats beschaffte Alex sich eine Endstufe der Marke "Samson SERVO 240" (240 W) und zwei Monitorboxen. Seine Verstärker und Boxen nahmen zuviel Platz in seinem Wohnzimmer ein. Deshalb sollten in Zukunft alle Geräte nur noch über die Endstufe gespielt werden. Nachdem er alles umgebaut hatte, brachte er die Verstärker in einem Abstellraum unter. Nur einen Bassverstärker liess er noch für Patrick stehen.

Die kalten und nebligtrüben Tage des Januars schlichen dahin. Paulo liess immer noch nichts von sich hören. Patrick und Alex waren sich einig, dass es so nicht weitergehen konnte und sahen sich nach einem neuen Sänger um, was sich aber als recht schwierig erweisen sollte. Unter anderem wurde aber noch ein anderes Projekt in Angriff genommen: Die Aufnahme einer Mental Decay-CD! Alex setzte sich mit Patrice in Verbindung, wobei dieser sich bereit erklärte, bei den Aufnahmen Unterstützung zu gewähren. Patrick und Frank suchten nach Kontaktaddressen, wo man billig eine CD pressen lassen konnte. Währenddessen baute Alex sich ein Flightcase für den "JUPITER-8", damit er ihn sicher und ohne Gefahr transportieren konnte. Auch experimentierte er mit der "TASCAM 688" herum, um zu sehen, wie die Maschine funktionierte. Man war fest entschlossen, mit den Mental Decay-Aufnahmen ein Meisterwerk zu schaffen. Es sollte eine Art Hörspiel werden, denn zwischen jedem Stück sollte ein kurzes Zwischenstück eingespielt werden, welches das eigentliche Stück einleiten sollte und auch mit der ganzen Geschichte zusammenhängen sollte. Dies würde aber ziemlich schwierig werden, da Alex sich vorgenommen hatte, alle seine Synthesizer einzusetzen und den Maximum an experimentellen Klängen herauszuholen, wie es auch nur möglich war. Dieses Ziel zu erreichen, stellte für alle Mental Decay-Mitglieder eine grosse Herausforderung dar.

Am Monatsende kaufte Alex sich in Schifflingen für 10.000- Frl. einen "Roland JUPITER-4" aus dem Jahre 1978, einen 4-stimmigen Synthesizer mit 8 Presetsounds und 8 Speicherplätzen. Das Gerät besass trotz nur einem Oszillator einen äusserst druckvollen Sound und machte im Bassbereich sogar dem "MINIMOOG" ernsthaft Konkurrenz. Anfangs hatte Alex grössere Schwierigkeiten beim Abspeichern der Sounds, bis er später herausfand, dass er etwas fester auf die Knöpfe drücken musste, um den Kontakt herzustellen.

Anfang Februar hatte Alex schon bereits 4.000- Frl. durch den Verkauf der Elyzium-Kassetten reinbekommen. Was die Aufnahmen der Mental Decay-Songs betraf, so hörten die drei nichts mehr von Patrice und beschlossen daher, die Aufnahmen demnächst selbst in die Hand zu nehmen.

Mitte des Monats bekam Alex für 1.600- DM eine "Roland TR-808", eine berühmte und schon legendäre analoge Rhythmusmaschine mit druckvollem Sound. Das Gerät besass im allgemeinen die gleichen Möglichkeiten wie die "CR-8000", hatte aber zusätzlich noch 16 Einzelausgänge der einzelnen Pads und gleich mehrere Trigger-Anschlüsse. 32 verschiedene Rhythmen sowie 12 ganze Songs konnte man programmieren. Auch konnte man den Klang der Pads auf verschiedene Weise verändern (Tone, Decay, Snappy usw.). Alex bekam das Gerät in der Originalverpackung, noch dazu mit einer deutschsprachigen Bedienungsanleitung.

Am 24. Februar fuhr er auch nach Troisdorf (Deutschland) und bekam für nur 2.200- DM einen "Oberheim OB-Xa", einen 8-stimmigen Analog-Synthesizer mit 120 Speicherplätzen. Die Geräte dieser amerikanischen Marke waren berühmt wegen ihrer warmen und schwebenden Streichersounds. Erstmals kam der "Ob-Xa" im Herbst 1981 auf den Markt und war anfangs nur 4-stimmig und mit 48 Speicherplätzen bestückt. Alex bekam ein Modell in der voll ausgebauten Version aus dem Jahre 1983, welches sogar erst vor kurzem auch mit einer MIDI-Schnittstelle nachgerüstet worden war.

Zu Beginn des Monats März begann man erstmals mit den Mental Decay-Aufnahmen. Man begann auch gleich mit dem schwierigsten Stück Kellerpanik. Das Stück wurde in mehreren Versuchen aufgenommen, wobei Alex sich bemühte, die Pegel der einzelnen Instrumente in einem möglichst rauschfreien und gleichmässigen Bereich einzustellen. Eine Woche darauf begann man erneut mit einem Aufnahmeversuch, und diesmal gelang es Alex endlich, alle Instrumente optimal einzustellen. Man konnte also bald mit den endgültigen Aufnahmen beginnen.

Was Elyzium for the Sleepless Souls betraf, so lag die Band zwangsläufig immer noch auf Eis, da sich kein Sänger finden konnte. Währenddessen meldete sich Patrice wieder bei Alex. Er musste wegen mehreren Examensarbeiten in Brüssel bleiben und konnte daher bei den Aufnahmen nicht anwesend sein. Die Pläne in punkto Abmischung der Songs auf DAT blieben aber noch beim alten. Währenddessen bekam Alex auch eine Antwort vom Fantabilé Promotion Team. Darin stand, dass Elyzium for the Sleepless Souls nicht an den "EURO POP DAYS" teilnehmen konnten, was Alex auch nicht weiter wunderte. Statt dessen konnte aber irgend so eine Mainstream-Rockband teilnehmen.

Gegen Mitte des Monats stellte Alex beim "OB-Xa" fest, dass Tastenkontakt abgebrochen war und ein Tipptaster nicht funktionierte. Er konnte aber schnell beide Schäden beheben. Auch beim "PROPHET 5" war ein Tastenkontakt abgebrochen, so dass er den Draht wieder anlöten musste.

Am 5. April sollte in der Kultur-Fabrik ein Animal Peace Benefit-Festival mit den Bands Toxkäpp, Bakunin's Children, Ulrich w. Modreck und den Subway Arts stattfinden. Alex und Georges nutzten die Gelegenheit, erstmals wieder unter dem Namen Short Circuit aufzutreten. Also probten sie einige Tage vor dem Konzert noch schnell zwei Coverversionen ein, und zwar Exercise one von Joy Division und A Forest von The Cure. Da Alex aber seine alte Gitarre vor einiger Zeit verkauft hatte, musste er sich eine von Patrick ausleihen. Nachdem man die Stücke mehr oder weniger gut spielen konnte, experimentierten die sie an Alex' Flangerpedale herum, um für das Intro von Exercise one einige jaulende Effekte aus der Gitarre klingen zu lassen.

Am Tage des Festivals spielten Short Circuit als Opener. Anfangs gab es einige Schwierigkeiten beim Anschliessen der Geräte an das Stromnetz, da nicht genügend Steckdosenverteiler vorhanden waren. Das Problem löste man, indem man bei einigen Verstärkern der anderen Bands den Stecker herauszog. Alex und Georges spielten über die Verstärker der Toxkäpp, den Drumcomputer schlossen sie an die Gesanganlage an. Exercise one spielte man ohne grosse Probleme, während jedoch A Forest unterbrochen werden musste, da Alex nicht hörte, was Georges auf dem Bass spielte. Am Verstärker waren nicht genügend Höhen und zu hohe Bässe eingestellt, so dass der Bass nur ein mehr oder weniger monotones Rumpeln von sich gab. Man musste das Stück von neuem beginnen. Trotz mangelhaftem Sound und chaotischer Spielweise kamen Short Circuit bei den wenigen Leuten, die im Saal anwesend waren, gut an. Alex hatte die beiden Songs mit dem 4-Spur-Gerät aufgenommen, Frank filmte das Konzert mit seiner Videokamera und Patrick schoss mehrere Fotos. Auch das nachfolgende Toxkäpp-Konzert wurde auf Tape und auf Video aufgenommen. Als Alex sich die Kassette zu Hause anhörte, stellten er fest, dass die Aufnahmen, mal von den übersteuerten Basstönen abgesehen, doch einigermassen gelungen waren.

Zwei Tage später besorgte Alex sich in Ratingen mal wieder einen Analog-Synthesizer, diesmal einen "PPG 1002" aus dem Jahre 1976 für 1.950- DM. Von diesem monophonen Instrument wurden nur etwa hundert Stück hergestellt. Der Klang des Gerätes, welches vom Aufbau her an den "MINIMOOG" erinnerte, besass metallischen Charakter. Allerdings bedurfte es einiger Zeit, um sich erst mal mit dessen Features vertraut zu machen, da in punkto Signalführung und Anordnung der Bedienungselemente doch einiges anders war, als man es von herkömmlichen Synthesizern gewohnt war.

In der folgenden Zeit begann man mit den Mental Decay-Aufnahmen. Anfangs wurden folgende Stücke aufgenommen: Kellerpanik, Die Ergründung und Play with me. Die Songs wurden erst mal soweit wie möglich live aufgenommen. Erst später sollten dann die zusätzlichen Synthesizereffekte beigefügt werden. Für Kellerpanik gab Alex während der Aufnahme die eigens für Intro und Breaks programmierten FILL-IN's willkürlich manuell ein, so dass der Beat sehr lebendig klang. Der Bass wurde zusammen mit Chorus- und Flangereffekten aufgenommen, die restlichen Instrumente (ausser dem "PROPHET 5", der stets an einen Chorus angeschlossen war) sowie die Stimme wurden roh aufgenommen. Bei Die Ergründung hatte Patrick anfangs erhebliche Probleme, die Basslinie während des ganzen Stücks taktgleich und perfekt zu spielen. Damit er sich besser darauf konzentrieren konnte, nahm man das Stück nur zusammen mit einem Dauerton am Synthesizer und der Stimme auf. Schliesslich war die Aufnahme nach einigen Versuchen im Kasten. Bei Play with me wollte Alex seine "TR-808" benutzen. Jedoch stellte er fest, dass die Teppicheinstellung der Snare ausgefallen war! Als Alternative verwendete er das Clap, indem er es mit einem Kabel vom Einzelausgang abgriff und an den externen Signaleingang am "MINIMOOG" anschloss. Das gleiche tat er mit der geschlossenen Hihat. So konnte er je nach Einstellung des Filters am "MINIMOOG" die beiden Instrumente verzerren. Frank und Patrick waren begeistert von dem daraus resultierenden Sound, klang dieser doch viel aggressiver und metallischer. Das Clap hatte unter anderem auch noch eine längere Ausklingzeit. Der Beat passte wegen der effektvollen Klänge sehr gut zur restlichen Musik.

Anfang des Monats Mai konnte Alex aber die Teppichfunktion der Snare wiederherstellen. Es war zum Glück nur ein Wackelkontakt. Man wollte auch bald mit den Aufnahmen von weiteren Mental Decay-Stücken (Hier ist kein Trost, Schreie und Gott) beginnen. Beim erstgenannten Stück stellte sich das Problem, dass der Text von Gottfried Ben stammte. Man hätte also erst eine Genehmigung des Stückes beantragen müssen, um diesen Song für die geplante CD verwenden zu dürfen. Man entschied sich deshalb für den einfacheren Weg, indem Frank selbst einen Text schrieb und das Stück in Kein Trost umbenannte. Es gab keine Schwierigkeiten bei der Aufnahme, und Alex konnte auch hier sehr lebendige Rhythmen gestalten, indem er die Breaks manuell eingab. Er verwendete hier einen Break aus den Presets, der sehr gut zum Beat passte und im Gegensatz zum morbiden Text auch recht lustig klang. Schreie wurde in einem einzigen Versuch aufgenommen. Auch bei der Aufnahme von Gott gab es keine Schwierigkeiten.

Zwei Wochen später bekam Alex von Patrick mitgeteilt, dass Dr. Monto für den 12. Juli ein Konzert in der Kultur-Fabrik festlegen konnte. Das Konzert sollte unter dem Namen DRECK-Festival stattfinden, wobei Bands wie Ede Wolf, Mental Decay, Astral Fuck und noch andere No Wave-Gruppen auftreten sollten.

Von der Band Astral Fuck, dessen Stil zwischen Throbbing Gristle und Ede Wolf lag, sei zu bemerken, dass diese Oktober 1995 gegründet wurde und mit einer ähnlichen Weise vorging wie Ede Wolf; Meistgebrauchte Instrumente waren Eisenstangen oder andere Metallteile, Trennscheibe, Bohrmaschine und Rasierapparat. Anfangs wurden die Stücke noch sehr rudimentär aufgenommen, und zwar indem man instrumentale Musik von Schallplatten aufnahm und dann die Geräusche, den Gesang und die Effekte hinzufügte. Erst später spielte man die Stücke vollständig mit eigenen Instrumenten ein. Kopf der Band war Jacoby Josy (19), der die Sessions zusammen mit seinem Mitarbeiter Bissen Manuel im Senderaum des Radio LNW in Wiltz einspielte und aufnahm. Die anderen Mitglieder waren ausschliesslich Gastmusiker. Josy führte unter anderem einmal pro Woche eine Industrial/Avantgarde-Sendung, wobei er des öfteren auch mal Stücke von Mental Decay und Ede Wolf über den Äther laufen liess. Wie bei Ede Wolf gab es auch bei Astral Fuck keine Proben, sondern nur Konzerte und Sessions. Bisher bekam die Band allerdings noch keine Gelegenheit, ein Konzert zu geben. Es existiert aber im Augenblick eine CD mit mehreren Stücken, die auf eigene Kosten der Band in geringer Stückzahl gebrannt wurde. Man kann sie nur bei Astral Fuck bestellen kann, ist für 500- Frl. erhältlich.

Mittlerweile hatte Alex es sich zur Aufgabe gemacht, alternative Bands zu unterstützen, indem er deren Repertoire mit seinem 8-Spur-Gerät aufnahm. So nahm er am 12. Mai im Proberaum der Kultur-Fabrik das Song-Repertoire der Punkband Toxkäpp auf. Anfangs gab es einige Schwierigkeiten mit der Einstellung des Schlagzeugs, da zum grössten Teil nur sehr billige Mikrofone zur Verfügung standen. Auch die schon altersschwache Gesanganlage brachte keinen überzeugenden Sound. Man plagte und quälte sich von morgens bis abends mit Einstellen, Aufnehmen, Korrigieren, Überspielen etc., bis alle Stücke endlich im Kasten waren.

Einige Tage später nahmen Patrick und Alex in Düdelingen mit dem 4-Spur-Gerät zwei Stücke der Punkrock-Band Ulrich w. Modreck auf, in der Thiel Pascal der Sänger war. Die beiden Songs sollten dann anschliessend auf einen Sampler kommen, auf denen Stücke von verschiedenen Bands der alternativen Szene vertreten waren. Bei den Aufnahmen musste man mit äusserst spartanischen Methoden vorgehen, da die Band unter ähnlichen Bedingungen probte wie Short Circuit in den Anfangstagen! Das Mischpult war nur noch teilweise funktionstüchtig und der Kopfhörer funktionierte wegen eines Wackelkontakts manchmal nur Mono statt stereo. Da für den Gesang noch ein zweiter Kopfhörer benötigt wurde, musste man halt mit dem eines Nintendo-Computerspiels vorlieb nehmen! Eine Endstufe oder zumindest eine Hifi-Anlage zum Abhören der Aufnahmen stand nicht zur Verfügung, so dass man nicht umhin kam, den Bassverstärker als Monitorbox zu benutzen. Doch trotz aller Schwierigkeiten waren die Aufnahmen schliesslich im Kasten, noch dazu in einer relativ guten Soundqualität. Allerdings passierte kurz darauf ein kleines Missgeschick. Als Patrick den Stecker des Kopfhörers aus dem Aufnahmegerät ziehen wollte, brach dieser ab und blieb im Eingang stecken. Zu Hause musste Alex das Gerät öffnen, um das abgebrochene Teil zu entfernen.

In der folgenden Zeit war es um Alex' Gesundheit nicht gut bestellt. Nierensteinkoliken quälten ihn immer öfters und heftiger, so dass er oft tagelang arbeitsunfähig war. Schliesslich musste er ins Krankenhaus unter die Laserkanone. Noch deprimierender war, dass er ausgerechnet zur gleichen Zeit von seiner Freundin den Laufpass bekam.

Mittlerweile war es Mitte Juni. Alex hatte sich gesundheitlich wieder ganz erholt. Allerdings war er noch seelisch schwer angeschlagen durch den Verlust seiner Freundin, was ihn jedoch nicht daran hinderte, in der Musik weiterhin aktiv zu sein. Von den Mental Decay-Stücken musste noch das letzte Stück Wartezeitraum aufgenommen werden. Als Rhythmus musste das Ticken einer Uhr verwendet werden. Doch es war Alex nicht möglich, das schwache Ticken seines Weckers mit dem Mikrofon aufzunehmen. Er hätte den Lautstärkepegel am Aufnahmegerät bis zum Anschlag aufdrehen müssen, wobei aber das Rauschen zu stark dominiert hätte. So versuchte er, den erforderlichen Sound auf seinem "JUPITER 8" einzustellen. Schliesslich, nach einer halbe Stunde, hatte er ein einigermassen naturgetreues Ticken realisiert. Er programmierte zwei Sounds, die er im Dualmodus übereinanderlegte und über den Arppegiator im Takt einer Uhr klingen liess. Anschliessend konnte dann das Stück aufgenommen werden. Die Aufnahme verlief ohne Probleme.

Kurz darauf bekam Alex von Patrick die Nachricht, dass das DRECK-Festival abgesagt worden war. Der 12. Juli fiel leider auf die beiden Tage, an denen das SHUTDOWN KULTUR-FABRIK-Festival stattfinden sollte. Es sollte das letzte grosse Festival sein, bevor dann das Gebäude wegen Renovierungsarbeiten geschlossen werden sollte.

Einige Tage später bekam Alex von Patrick das Angebot gemacht, um in der erst vor kurzem gegründeten Formation S.M.U.S. (Abk. für Surf me up, Scotty!) als Keyboarder einzuspringen. Patrick war in der Band als Gitarrist tätig, Dan Luciani war der Schlagzeuger und Patrizia Finzi spielte am Bass. Der Stil der rein instrumentalen Musik war alternative Surf-Musik, wie sie in den 50ger und 60ger Jahren gespielt wurde. Der Vollständigkeit halber wurde deshalb auch eine Orgel benötigt. Alex kam so auf die Idee, seinen "Korg DELTA" zu benutzen. Mit Hilfe der Stringsektion dieses Instrumentes konnte man sehr orgelähnliche Sounds erzeugen. Ab 26. Juni war Alex viertes Mitglied der Band, da er dann zum ersten Mal an einer S.M.U.S.-Probe teilnahm. Zwei Stücke (Ranas in Orbit und In the Cave of Doom) wurden eingespielt, bei denen er eine Keyboardlinie spielte.

Ende des Monats stellte Alex erneut einen Defekt an seiner "TR-808" fest. Die geöffnete Hihat gab keinen Ton von sich! Nachdem er das Gerätes geöffnet hatte, entdeckte er ein Kabel, welches zwischen den Gehäuseteilen eingeklemmt war, wodurch der Kontakt unterbrochen worden war. Den Defekt konnte er also schnell beseitigen.

Anfang Juli gab Alex in Deutschland den Bau eines modularen Synthesizersystems in Auftrag. Er hatte schon voriges Jahr die Möglichkeit, den Sound des Modularsystems mit eigenen Ohren anzuhören. Daraufhin wollte er unbedingt auch ein solches System haben. Das Besondere daran war, dass man die Zahl und Art der Module nach eigenen Wünschen bestimmen konnte. Die Zusammensetzung eines solchen Systems erfolgte nach dem Baukastenprinzip und konnte auch (je nach Geldbeutel) beliebig erweitert werden. Zudem wurden die Geräte nicht von einer Firma hergestellt, sondern privat von einem Elektroingenieur. Er baute die Systeme in Form von 19"-Racks mit 6 HE, in denen die einzelnen Module untergebracht werden konnten. Alex benötigte zwei solcher Racks, da er sich eine grössere Anzahl von Modulen zusammenstellte: 3 Oszillatoren, 2 LFO's, 2 verschiedene Filter ("MOOG"-und "ARP/VCS3"-Filter), 2 Hüllkurven, ein Glide-Modul und ein Sample/Hold-Modul. Diese Zusammenstellung und die beiden Racks kosteten 5.400- DM. Alex überwies das Geld im voraus nach Deutschland.

Am 4. und 5. Juli fanden die beiden letzten S.M.U.S.-Proben statt. Alex blieb bei nur zwei Stücken, da weitere Proben nicht mehr stattfinden konnten; Die Proberäume der Kultur-Fabrik waren voll besetzt, da jede Band für das Festival am 12. und 13. Juli proben musste. Zu bemerken sei, dass alle Bands am SHUTDOWN KULTUR-FABRIK-Festival teilnehmen konnten, die in der Kultur-Fabrik probten. S.M.U.S. konnten also auch beim Festival mitwirken.

Zwei Tage später begannen Alex, Patrick und Frank die fehlenden Effekte und Keyboardlinien zu den Mental Decay-Songgerüsten aufzunehmen. Für diese Arbeit benötigten sie nur zwei Tage. Danach waren alle Songs fertiggestellt. Bald darauf begann Frank, verschiedene Ideen für die Zwischenpassagen auszuarbeiten und zusammenzustellen, damit man auch bald mit den Aufnahmen beginnen konnte.

Am 13. Juli, am zweiten Tage des Festivals, spielten dann S.M.U.S.. Dafür stand ein anderer, etwas kleinerer Saal zur Verfügung. Die Konzerte wurden nämlich in zwei Räumen abgehalten, damit nicht unnötige Zeit beim Umbau verlorengehen sollte. Der Sound-Check verlief relativ unproblematisch. Dan bereitete noch eine Show vor, bei der Alex auch für die dazugehörigen Soundeffekte sorgen sollte. Schliesslich begann man schon kurz darauf zu spielen. Anfangs waren noch nicht viele Zuschauer anwesend, doch nach und nach kamen immer mehr Leute herein. Obwohl die Musik rein instrumental war, konnte sie das Publikum sehr überzeugen. Hinzu sorgten Dan und Alex, nachdem einige Stücke gespielt worden waren, für eine kleine 'Horrorshow'. Dan versteckte sich kurz hinter dem Schlagzeug, um sich schnell die Maske einer Fliege aufzusetzen. So verkleidet, erinnerte er auch gleich an den Film "Die Fliege" aus den 50ger Jahren. Während Dan zwischen den Zuschauern umherging und seine Show abzog, setzte Alex mit schrägen Keyboardsounds ein, um die nötige Horroratmosphäre zu erzeugen. Da er die ganze Sache genau beobachtete und die Sounds synchron zu Dan's Gestik spielte, wirkte die Show sehr überzeugend. Wenig später setzte Dan sich wieder ans Schlagzeug, woraufhin Ranas in Orbit und In the Cave of Doom gespielt wurden. Allerdings hatte Alex einige Mühe, seinen Synthesizer schnell genug umzuregistrieren. Auch spielte er einige Fehler, die aber bei den Zuschauern unbemerkt blieben.

In den darauffolgenden Tagen begann man mit den Aufnahmen der Zwischenpassagen für Mental Decay. Man nutzte alle nur denkbare Möglichkeiten zum Experimentieren aus: Stimme durch den Vocoder und den "MINIMOOG" verzerren, verschiedene Effekte (Hall, Delay, Gate, Reverse usw.) sowie Geräuschkulissen aus folgenden Synthesizern: "MINIMOOG", "JUPITER 8", "PROPHET 5", "JUPITER-4", "Yamaha CS-30", "OB-Xa", "ARP 2600". Auch Patrick leistete mit äusserst seltsamen Bassklängen seinen Beitrag. Ausserdem wurden noch einige gesampelte Naturklänge einer CD entnommen. Bei einem Stück wirkte Josy von Astral Fuck mit, indem er für ein Intro Geräusche wie Metallgeschepper, Rasierapparat usw. zur Aufnahme beimischte. Bei einem anderen Stück wurde die Textpassage von einer Freundin von Frank gesprochen. Es sollte noch den ganzen Monat dauern, bis alle Aufnahmen fertiggestellt waren.

Zwischendurch ging Alex am 8. August nach Deutschland sein Modularsystem abholen. Die beiden Racks waren fast voll bestückt, aber es war noch Platz für zwei weitere Module. Er bestellte sich daraufhin noch einen Ringmodulator und einen Oktavranger.

Einige Tage später las Alex in der Musikzeitschrift "DisAgreement" folgende Kritik über das Elyzium-Tape ''Everything fades'':

"1995 spielten Elyzium for the Sleepless Souls einige Gigs in verschiedenen Kneipen, ehe es in diesem Jahr verdächtig still um das New Wave-Duo wurde. Der charismatische Sänger Paulo Mira hat in letzter Zeit anscheinend mehr Lust, sich auf seine Rockband Tights zu konzentrieren, wohingegen der Verantwortliche für die Musik, Alex Zeimet, neue Horizonte ergründet mit seiner neuen sehr extremen Band Mental Decay, wobei ihm zwei Musiker der jetzt-schon-Punklegende Toxkäpp helfen. Kompliziert? Gut, dann konzentrieren wir uns lieber auf Elyzium for the Sleepless Souls. Ihre Musik kann man definieren als New Wave, wie er anfangs der 80ger Jahre populär war. Alex, der alle Drumcomputer und Synthesizer programmiert/spielt, behauptet auch immer felsenfest, dass er absolut allergisch gegenüber Synthesizer neueren Datums sei. Die schwebenden, düsteren Melodien werden perfekt von Paulos ausdrucksstarker Stimme untermalt. Wenn Paulo singt, merkt man, dass er seine ganze Seele in den Songs auspresst. Weshalb hat er diese Band bloss aufgegeben? Neben dem genialen Opener Slipping into Darkness sticht ansonsten auch noch die originelle Coverversion Black Hit of Space (Human League) heraus. Wer auf letztgenannte Band oder Sounds wie Gary Numan steht, muss sich dieses Demo einfach anschaffen. 200- Frl. (+ Porto und Verpackung) für dieses doch recht lange Demo (in guter Soundqualität plus Textblatt) sind garantiert nicht zuviel verlangt. Mehr Informationen gibt es unter folgender Telefonnummer: (00352) 44 04 20."

Zur gleichen Zeit erschien auch die Toxkäpp-Platte "A.F.S.D.", und zwar unter dem erst kürzlich - ebenfalls von Patrick - gegründeten Label, welches den Namen Prolls Royce Records trug. Unter diesem Label sollten aber nur Punk- und Hardcore-Produktionen veröffentlicht werden, weshalb es dann auch eigentlich mehr ein Sub-Label war. Als Dank für die Aufnahmen bekam Alex von Frank eine Platte, die im Gegensatz zu den für den Verkauf bestimmten Platten ein aufwendig gestaltetes Coverlayout besass (handgefertigt, braune Kartonhülle, blutrotes Toxkäpp-Logo).

In der ersten Septemberwoche bekam Alex unerwartet von Dr. Monto den Vorschlag gemacht, am 14. des Monats auf der Öko-Messe auf dem Kirchberg einige Mental Decay-Stücke zu spielen. Alex stimmte sofort zu, nur Patrick und Frank dachten gleich an die Folgen eines Konzerts dieser Art auf einer Öko-Messe. Bestimmt würden sie die ganze Besucherschaft in Schrecken versetzen. Aber trotzdem sagten die beiden auch zu und man probte daraufhin schnell noch einige Male das Repertoire ein.

Am Nachmittag des betreffenden Tages machte man sich für das Konzert bereit. Alex nahm diesmal nur zwei Synthesizer mit. Da sowieso wahrscheinlich nur alles improvisiert werden würde, würde es seiner Meinung nach auch keine Probleme bereiten, mit weniger Equipement auszukommen. Auf der Messe war schon das ganze "ARA"-Team anwesend, darunter natürlich auch Dr. Monto. Er sollte für die Abmischung der Instrumente an der PA verantwortlich sein. Auch sollte er einen Live-Mitschnitt machen. Patrick und Frank hatten sich schon bereits eingefunden, unter anderem auch Josy. Er war für dieses Konzert Gastmusiker und wollte einiges zur Show und Musik beitragen. Er hatte dazu eigens sein 'Werkzeug' mitgebracht (Eisenstangen, Bleche usw.). Im Gegensatz zu Alex, der in schwarzer und strenger Kleidung à la Kraftwerk erschien, hatten die anderen sich für das Konzert in einer ziemlich provokanten Weise zurechtgemacht: Patrick trug zu seinem schwarzen Anzug einen grasgrünen Ledermantel und hatte sich wie immer die Augen geschminkt. Frank trug wieder seinen Samtrock und seine Maske. Zudem verhüllte er sein Gesicht noch mit einem schneeweissen Tuch, so dass er aussah wie ein Guru. Josy hatte sich ebenfalls die Augen geschminkt und trug eine Militärmütze. Als schliesslich die Instrumente aufgestellt waren, begann man auch gleich zu spielen, oder vielmehr was zu improvisieren. Es dauerte keine fünf Minuten, als jemand von einem anderen Stand herbeikam und zu Alex sagte, mit dem Krach aufzuhören, da seine Kundschaft vergrault werden würde. Weil aber Mental Decay von Anfang an in sehr gemässigter Lautstärke gespielt hatten, konnten sie den Mann auch bald davon überzeugen, dass der Lärm nicht von ihnen verursacht wurde, sondern von einem Orchester auf einem anderen Stand in der Nähe. Nach dieser kurzen Unterbrechung spielten Mental Decay weiter. Man hatte aber sehr grosse Schwierigkeiten, die Musik aus den Monitoren zu hören. Frank wusste zeitweilig überhaupt nicht, was er singen sollte, weil er die anderen Instrumente kaum hörte. Patrick machte Dr. Monto auf dieses Problem aufmerksam, doch dieser winkte nur, er hätte alles unter Kontrolle und es sei alles in bester Ordnung. Also verliess man sich darauf, ohne sich weitere Gedanken darüber zu machen. Die Leute unterdessen, die zufällig am Stand vorbeikamen und Mental Decay sahen, schüttelten nur den Kopf und gingen schnell weiter. Es war sage und schreibe nur ein einziger Zuschauer anwesend, und zwar kein geringerer als Putz Gilbert, Schlagzeuger von den Toxkäpp. Nach einiger Zeit einigte man sich, doch einige Stücke des Repertoires zu spielen, denn Frank war es leid, nur zu improvisieren, er wollte lieber was spielen, wo er seine Stimme gezielt einsetzen konnte. Also spielte man Play with me und Die Ergründung. Danach musste das Konzert abgebrochen werden, weil es inzwischen 18.00 Uhr war und die Messehalle geschlossen wurde. Zwar war nicht alles so gelaufen, wie man es sich erwartet hatte (nur eine halbe Stunde Spieldauer, schlechter Sound und zu geringe Lautstärke der PA), aber der Zweck war erfüllt: Die Messebesucher zu schockieren!

Wochen später bekamen Patrick und Frank eine Kopie vom Livemitschnitt. Es stellte sich heraus, dass die Aufnahmen auf der Kassette wirklich sehr gelungen waren. Grund dafür war, dass Dr. Monto den Sound eher für den Live-Mitschnitt einstellte als für die Monitorboxen.

Alex hatte sich in der Zwischenzeit einen hölzernen Rack-Kasten mit 16 HE besorgt und baute die beiden Racks seines Modularsystems ein. Anschliessend besorgte er sich Audiokabel am laufenden Meter und etwa 40 Jack-Stecker. Nachdem er genügend Patchkabel verschiedener Länge zusammengelötet hatte, probierte er alle möglichen Experimente am System aus. Als Tastatur benutzte er seinen "SH-101". Die Qualität des Systems übertraf Alex' Erwartungen bei weitem: Die Oszillatoren waren extrem stimmstabil und die Filter arbeiteten sehr effektiv. Das MOOG-Filter war sogar in der Lage, noch voluminösere Bässe zu erzeugen als der "MINIMOOG" selbst. Ausserdem bot das System eine so hohe Klangqualität, dass es alle anderen Analogsynthesizer in den Schatten stellte. Was die Modulationsmöglichkeiten betraf, von schwebenden Streichersounds über metallische Perkussionseffekte bis hin zu völlig abgefahrenen und geräuschhaften Exotikklängen war alles möglich. Allerdings musste Alex sich erst mal mit den Funktionsweisen der einzelnen Module vertraut machen, da er, was die Bedienung eines Modularsystems betraf, im Augenblick noch soviel Ahnung hatte wie eine Kuh vom Fliegen. Für den Anfang ging er nach einer kompromissloseren Methode vor: Einfach irgendwelche Module beliebig miteinander verkabeln, an den Reglern herumdrehen und sehen, was dabei herauskommt. Das Ergebnis: Sehr bizarre 'Klänge' und viel Kabelsalat!

Um die Monatsmitte konnte Alex wieder mit Patrice in Verbindung kommen. Dieser machte Alex den Vorschlag, die Aufnahmen selbst abzumischen, indem er ihm einige Geräte wie DAT-Recorder und Denoiser zur Verfügung stellen würde. Alex fand die Idee gar nicht so schlecht, denn so könnten die Mental Decay-Stücke ganz nach den Wünschen der Band abgemischt werden. Es ging jetzt nur noch darum, möglichst bald die erforderlichen Geräte zu bekommen. Diese befanden sich aber bei Paulo zu Hause, und da dieser meistens überhaupt nicht erreichbar war, war es auch für Patrice äusserst schwierig, die Geräte wiederzubekommen. Alex hatte daher wenig Hoffnung, die Geräte zu bekommen, und so entschloss er sich, zunächst mal einen Denoiser zuzulegen. Er bestellte daraufhin in Deutschland den Multiband-Denoiser "Behringer SNR-2000" zu einem relativ billigen Preis von 444- DM.

Eine Woche später, während einer Konzertreise in Brüssel, hatte Alex die Möglichkeit, Josy mal besser kennenzulernen. Dabei erfuhr er, dass sein Mitarbeiter Manuel vor einiger Zeit aus der Band ausgestiegen war, so dass Josy nun alleine war. Dieser machte Alex daraufhin das Angebot, ob er nicht Lust hätte, in Zukunft Mitglied bei Astral Fuck zu sein. Erst vor kurzem hatte er schon mit Patrick eine Session im Studio des Radio LNW aufgenommen, und jetzt wollte er auch mit Alex eine Session machen. Da Alex mit dem Angebot gleich einverstanden war, plante man die Session für Ende Oktober, wenn Josys Schulferien beginnen sollten.

Anfang Oktober holte Alex 50 Kassetten ab, die er einige Zeit zuvor bestellt hatte. Er musste eine Neuauflage der Elyzium-Demos beginnen, weil der Vorrat aufgebraucht war und sich noch immer Leute fanden, die ein Demo haben wollten.

Unterdessen wurde er darüber informiert, dass die Gebrüder Thiel ein Underground-Lexikon herausgeben wollten, in dem alle Independant-Gruppen des Landes beschrieben werden sollten. Deshalb verteilten sie Fragebögen unter die Bands, die dann mit den Antworten zurückgeschickt werden sollten. Alex und Patrick machten sich daraufhin gleich an die Arbeit, um die Bandhistorien zusammenzustellen. Gleichzeitig teilte Patrick Alex mit, dass am 25. und 26. Oktober in Homburg (Saarland) ein Festival stattfinden sollte, wobei neben deutschen Punk-Bands auch mehrere Luxemburgische Bands vertreten sein sollten, wie Def Dump, D'Rotzbouwen, Gauged, Toxkäpp und S.M.U.S..

Am 5. Oktober fuhr Alex wieder mal nach Ratingen und besorgte sich folgende Geräte: Einen Drumcomputer "Roland CR-78" für 500- DM, einen Digitalsequenzer "Roland CSQ-100" für 300- DM, die vierstimmige Tastatur "M-184" des "Roland System 100-M" für 500- DM. Für sein Modular-System bekam er noch den Ringmodulator und den Oktavranger für zusammen 700- DM.

Die aus dem Jahre 1979 stammende "CR-78" war ein würfelförmiger Kasten in einem Holzgehäuse und besass vier Speicherplätze. Übrigens war es der erste wirklich programmierbare Drumcomputer. Zwar besass das Gerät zum grössten Teil nur Presets, aber man konnte diese in einem weitem Bereich verändern, da die Möglichkeit bestand, zwei Presets parallel laufen zu lassen und einige Instrumente hinzu- oder stummschalten.

Zur Programmierung standen (einschliesslich Akzentuierung) 11 verschiedene Instrumente zur Verfügung, die man nacheinander in Form einer Sequenz eingeben konnte. Allerdings war pro Speicherplatz die Eingabe auf lediglich vier Sequenzen beschränkt, so dass man nur Rhythmen mit maximal vier verschiedenen Instrumenten eingeben konnte. Die Programmierung selbst war sehr umständlich und mühsam. Zudem benötigte man auch eine Fusspedale. Da Alex aber keine besass, musste er sich anderweitig behelfen. Er benutzte die "184-M"-Tastatur, indem er dessen Gate-Ausgang mit dem Write-Eingang der "CR-78" verband. Durch Betätigen einer Taste wurde ein Signal an die "CR-78" abgegeben, so dass in dem Moment eines der gewählten Instrumente gespeichert wurde. Da die Programmierung auch analog erfolgte, musste er den Takt des Metronoms genau treffen, damit der Rhythmus auch taktgleich ablief. Für eine solche Eingabe war höchstes Fingerspitzengefühl und viel Geduld erforderlich. Besonders nervtötend war, dass man bei einer fehlerhaften Eingabe nicht die Möglichkeit hatte, eine bestimmte Fehlerstelle zu korrigieren, sondern die ganze Sequenz löschen musste, um anschliessend wieder von vorne zu beginnen! Man musste also die Prozedur solange wiederholen, bis man es geschafft hatte, die Sequenz taktgleich einzugeben. So absurd und beschränkt die Programmierung der "CR-78" uns heutzutage auch vorkommen mag, im Jahre 1979 war dies genauso eine Neuheit wie heute der digitale Fotoapparat, den man an den PC anschliesst und die Fotos gleich ausdrucken kann.

Tags darauf kam Patrice bei Alex vorbei und lieh ihm den DAT-Recorder. Den Denoiser hatte er nicht besorgen können. Aber das war nicht weiter schlimm, und ausserdem sollte Alex' Multiband-Denoiser jeden Augenblick geliefert werden.

In den folgenden Tagen konstruierte Alex sich einen Spannungsabschwächer, um die Spannung am GATE TOTAL-Ausgang der Tastatur "184-M" von 12 V auf 5 V herabzusetzen, da am GATE-Eingang des Modular-Systems die höchstzulässige Spannung 5 V betrug. Mit Hilfe zweier Widerstände konnte er die Spannung auf 3,7 V reduzieren. Dieser Wert reichte aus, da am GATE-Eingang für einen normalen Lautstärkepegel eine Spannung ab 2,5 V bereits genügte. Zum Messen benutzte er alte analoge Messgeräte aus den 50ger Jahren, die er einmal von Georges geschenkt bekommen hatte (ein Voltmeter und ein Amperemeter zur Einstellung des groben Messbereiches sowie ein Anzeigegerät zur genauen Ablesung). Der Abschwächer bestand aus zwei Jack-Eingängen, die mit zwei Widerständen verbunden waren. Diese Konstruktion steckte in einer Kunststoffhülse, und so konnte Alex den Abschwächer, wann immer er ihn benötigte, zwischen zwei Verbindungskabel schalten.

Um die Monatsmitte begann er auch einen Konverter zu konstruieren, welcher das Kurzschluss-Trigger-Signal am Eingang (SWITCH TRIGGER) des "MINIMOOG" in einen Voltage-Trigger umwandeln sollte. Allerdings musste er dafür am "MINIMOOG" den Steckereingang durch einen neuen 2-Pin-Stecker austauschen, da die erforderlichen Cinch-Jones-Stecker seit mehr als zehn Jahren nicht mehr hergestellt wurden. Nachdem er sich die erforderlichen Bauelemente (Diode, Transistor, Widerstand) besorgt hatte, baute er die Schaltung in ein Kunststoffgehäuse ein. Beim darauffolgenden Versuch, den "MINIMOOG" mit der "184-M"-Tastatur anzusteuern, funktionierte der zwischen den Geräten geschaltete Konverter nach den erwünschten Voraussetzungen.

Unterdessen hatte er auch die Short Circuit-Historie fertiggestellt und schickte diese mitsamt Bandfotos an die Gebrüder Thiel. Auch bekam er die Gelegenheit, Patrice's DAT-Recorder auszuprobieren; In Anwesenheit von Patrick und Frank mischte er die Toxkäpp-Stücke Hymne und Märder auf ein DAT-Tape ab. Davon sollte der Song Märder zusammen mit anderen Luxemburgischen Punk-Bands auf eine 7"-Platte kommen, welches den Namen "Amore & Anarchia" trug. Die beiden Aufnahmen besassen auch ohne Denoiser eine beachtliche Soundqualität. Allerdings bekam Alex ausgerechnet Tags darauf den Multiband-Denoiser geliefert. Hätte er nur mit der Abmischung etwas gewartet! Aber wenigstens war er nicht mehr auf Patrice's Gerät angewiesen.

Wieder einige Tage später besorgte Alex sich für 6.200- Frl. zwei Rack-Schubladen von je 2 HE und baute sie in das Rack seines Modularsystems ein. Ausserdem experimentierte er während der folgenden Zeit mit dem Sequenzer und der "CR-78" herum, mit Hilfe der "SH-101" und dem "MINIMOOG". Allerdings traten beim Sequenzer Störgeräusche auf. Alex fand bald heraus, was das Summen von Jack-Adaptern verursacht wurde, die stereo ausgelegt waren statt nur Mono. Zwar traten bei anderen Geräten mit Monoanschlüssen allgemein keine Probleme mit solchen Stereo-Jacks auf, aber die Elektronik des Sequenzers schien doch etwas empfindlicher zu sein.

Die Tage des Festivals in Homburg rückten immer näher, und man konnte sich noch für einige Proben zusammenfinden. Alex beherrschte mittlerweile bei folgenden Stücken die Keyboard-Parts: Ranas in Orbit, In the Cave of Doom, The indefinite Flavour of Sadness und Escape from Metaluna.

Als es schliesslich am 25. Oktober soweit war, spielten die Toxkäpp am ersten Tage des Festivals, weshalb Patrick dort im Backstage übernachten musste. Die anderen Luxemburgischen Bands sollten am zweiten Tag spielen. Alex, Dan und Patrizia fuhren an jenem Nachmittag nach Homburg. Als sie dort ankamen, stellte Alex plötzlich in Frage, ob Surf-Musik überhaupt bei den Leuten ankommen würde, die sich im Augenblick im heruntergekommenen Gebäude aufhielten; alle waren entweder Punks oder Hardcore-Fans! Nichtsdestotrotz bereitete er sich für das Konzert vor und schloss seinen Synthesizer an die PA an, um den Sound-Check zu machen. Als dann alle Bands ihren Sound-Check durchgeführt hatten, begannen die Rotzbouwen zu spielen. Sie hatten in während der letzten Monate ihre Spielweise etwas verändert; die Musik war nun mehr auf Hardcore getrimmt, d. h. viel schneller und lauter. Als zweite Band spielten dann Def Dump und schliesslich noch eine deutsche Band. In der Zwischenzeit hatten Patrick und Patrizia sich im Backstage für den Auftritt etwas zurechtgemacht. Patrick trug eine silberfarbene Kunststoffhose und einen blauen Sweatshirt à la Raumschiff Enterprise, und Patrizia kam im typischen 60ger-Jahre Hippie-Look. Und Dan wollte natürlich wie immer auch seine Show mit der Fliegenmaske abziehen, wobei er noch zusätzlich eine kleine Ballonpumpe und künstliches Blut bei sich hatte, um die Show noch etwas effektiver zu gestalten. Als man dann auf die Bühne kam, guckten die Zuschauer etwas verdutzt, sagten aber vorerst noch nichts. Zuerst machte Dan eine Ansage, wobei er wenige Augenblicke später seine Show abzog. Alex setzte dann mit Synthieffekten ein, die auch sehr gelungen ihre Wirkung zeigten. Anschliessend begann man zu spielen. Man war gut in Form, und Alex versuchte, auch bei den Stücken was zu improvisieren, wo er eigentlich nicht spielen sollte. Denn er wollte nicht gleich wieder von der Bühne gehen, und es nervte ihn manchmal schon, dass er nicht bei allen Stücken spielen konnte; er fühlte sich nämlich oft nicht als vollwertiges Bandmitglied. Aber diesen Abend wollte er ganz dabei sein. Und er schaffte es auch, gelungene Improvisationen zu bringen. Beim Spielen wurde nach jedem Lied der Applaus grösser, was auch nachzuvollziehen war, bekamen die Zuschauer endlich mal was anderes geboten statt nur Punk und Hardcore. Man merkte, dass in Deutschland die Leute offener sind für verschiedene Musikrichtungen, denn sogar eingefleischte Punks waren begeistert von der Musik! Man hätte nie gedacht, dass man mit Surf-Musik so gut bei den Leuten ankommen würde, und man war deshalb froh darüber, dass das Konzert ein voller Erfolg wurde.

Am 28. Oktober traf Alex sich mit Josy im Radio LNW in Wiltz, um zusammen eine Astral Fuck-Session zu machen. Er hatte seine "TR-808", seinen "SH-101" und einen Flanger mitgebracht. Anschiessend legte man gleich los. Alex stellte einen Rhythmus am Drumcomputer ein, während Josy am Mischpult die Instrumente und die Hifi-Anlage aufnahmebereit stellte. Anschliessend machte man gleich auch eine DAT-Aufnahme. Zuerst wurde der Rhythmus und die Gitarre eingespielt, später mischte man noch Geräusche, Effekte und Josys Stimme hinzu. Zum Schluss mischte Josy noch Samples von einer Tannhäuser-Platte hinzu. Das Stück klang trotz kontinuierlichem Beat reichlich chaotisch. Das zweite Stück spielte man auf eine etwas andere Weise ein, wobei Alex einen Flanger an den "SH-101" anschloss und diesen bis zum Anschlag aufdrehte. Damit konnte er fürchterlich jaulende Effekte erzeugen wie das Miauen einer Katze. Das dritte Stück, welches die beiden aufnahmen, war so extrem, dass man es nicht mehr beschreiben konnte. Ausserdem mussten sie es über Kopfhörer einspielen; der Verstärker hatte den Geist aufgegeben, weil das Netzteil durchgebrannt war!

Am Monatsende stellte Alex fest, dass die "CR-78" die programmierten Rhythmen nicht mehr als einen Tag im Gedächtnis behielt. Beim Öffnen des Gerätes sah er, dass die Pufferbatterie altersschwach und schon halb verrottet war. Zwar besass er in dem Moment keine wiederaufladbare 3V-Lithiumbatterie, aber er behalf sich vorerst mit zwei normalen 1,5 Voltzellen, die er in Reihe geschaltet auf die Platine anlötete.

Am 7. November mischten Alex, Patrick und Frank die Mental Decay-Songs provisorisch nach der richtigen Reihenfolge ab, damit man sich das Ganze mal anhören konnte und auf diese Weise feststellen wollte, ob nicht noch was geändert werden sollte und ob das Konzept "M" auch wirklich gut rüberkam. Alle drei merkten bald, dass man nicht daran vorbei kam, auf dem Booklet der CD die Handlung der Geschichte abzudrucken; die Leute, die sich bei solcher Musik nicht auskannten, würden dem Konzept nicht folgen können.

Drei Tage später versuchten sie, die Stimmen auf dem Teil des Gerichtsprozesses bei den Mental Decay-Stücken nachträglich zu transponieren. Frank sprach auf diesem Stück zwei Texte, die aber der Handlung nach von zwei verschieden Personen gesprochen werden sollten. So mussten beide Stimmen verschiedentlich in der Geschwindigkeit verändert werden, damit eine Transponierung realisiert werden konnte. Man entschloss sich, die Bandgeschwindigkeit zu verlangsamen, damit beide Stimmen etwas dunkler klangen. Alex ging nach folgender Weise vor: er überspielte beide Spuren auf Patricks 4-Spur-Gerät, wobei er zuvor an der 8-Spur-Maschine eine verlangsamte Bandgeschwindigkeit eingestellt hatte. Gleichzeitig schaltete er den Denoiser zwischen beide Geräte, um das Rauschen zu eliminieren. Nachdem er einige Minuten die Bedienungsanleitung studiert hatte, wusste er auch schon mehr oder weniger mit dem Denoiser umzugehen. Die drei stellten verblüffenderweise fest, dass der Denoiser das Rauschen tatsächlich vollständig herausfilterte! Aus den Boxen war nur die Musik zu hören, wie von einer CD. Es stellte sich aber leider heraus, dass es doch zu aufwendig war, die kopierten Aufnahmen wieder in genauen Zeitabständen aufzunehmen, da diese wegen der verlangsamten Bandgeschwindigkeit in die Länge gezogen wurden. Man beschloss, es in einer nächsten Session mit Patricks Multi-Effektgerät ("ZOOM 9015") zu versuchen. Dieses besass einen integrierten Pitch-Shifter und es bestand die Möglichkeit, den Sound um ein oder zwei Oktaven zu transponieren, ohne dass die Bandgeschwindigkeit verringert werden musste.

Wieder einige Tage später bastelte Alex sich zwei Jack-Verteiler zusammen, eins mit zwei und eins mit drei Ausgängen. Das mit den drei Ausgängen wollte er dazu benutzen, um von der Tastatur aus die drei Oszillatoren am Modularsystem gleichzeitig anzusteuern. Er verwendet alte Kunststoffschachteln, worin früher Nägel und Schrauben darin aufbewahrt wurden. Mit dem Lötkolben schmolz er Löcher hinein und baute die Jackstecker ein, die er zuvor mit verzweigten Verbindungsdrähten miteinander verbunden hatte. Das Schachtelgehäuse sprühte er mit schwarzem Lackspray ein. Vorteil bei diesen Verteilern: es ging nichts an Lautstärke verloren, wenn man z. B. zwei Instrumente gleichzeitig über einen Verstärker spielen würde. Bei den üblichen Y-Adaptern, wo der Stecker Stereo ausgelegt ist, halbiert sich Lautstärke.

Um die Monatsmitte brachte Patrick sein Multi-Effektgerät mit und so konnte man beim schon vorher erwähnten Mental Decay-Teilstück mit einiger Mühe die Stimmen transponieren und verändern. Obwohl beide Stimmen von Frank waren, klangen sie völlig verschieden. Daraus zeigte sich, dass das Effektgerät sehr leistungsfähig war. Auch bei weiteren Teilstücken wurde so manches Experiment ausprobiert, indem man die Stimmen mit einigen Spezialeffekten bearbeitete (Phasing, "Grabesstimme" usw.).

In der Nacht vom 22. auf den 23. November fand das Mental Decay-Interview im Studio des Radio LNW in Wiltz, wo Josy die Sendung "Torture Garden" leitete. Als das Interview (welches eigentlich mehr eine Blödelsendung war) nach etwa einer Stunde beendet wurde, machten die vier noch die ganze Nacht hindurch Astral Fuck-Sessions und nahmen diese auf. Gleichzeitig kamen Alex und Josy auf den Gedanken, zusammen ein Projekt mit minimalistischer Elektronik-Musik zu starten. Alex wollte schon immer so etwas in der Richtung von D.A.F. machen. Josy war sofort dabei und man einigte sich auf folgenden Bandnamen: Schwitzende Schweine!

Einige Tage später arbeiteten Alex, Patrick und Frank weiter an den Mental Decay-Songs. Es wurden vor allem Effekte hinzugefügt, mit Hilfe des "MIDIVERB II". Bei Schreie wurde noch auf einer weiteren Spur von Frank ein fortwährendes markerschütterndes Hintergrundgeschrei aufgenommen.

Anfang Dezember wollte man bald mit der Abmischung beginnen, jedoch war der von Alex bestellte DAT-Recorder noch nicht angekommen. Patrice kam sein Gerät am 8. Dezember wieder abholen, weil er es dringend benötigte. Zur gleichen Zeit begannen Patrick und Frank, an der Covergestaltung der Mental Decay-CD zu arbeiten.

In den folgenden Tagen arbeitete Alex am "JUPITER-4" für das Projekt Schwitzende Schweine und programmierte verschiedene Rhythmen an der "CR-78". Auch experimentierte er mit dessen Presets herum, wobei er feststellte, dass der Drumcomputer doch recht vielseitig war, wenn man gezielt damit arbeitete.

Mitte des Monats führten Alex und Josy dann die erste Session durch. Sie spielten Der Mussolini von D.A.F. ein. Um die Sequenz einzuspielen, benutzte Alex seinen "CSQ-100". Es war nicht einfach, die richtigen Noten von der Originalversion herauszuhören und die Sequenz über den "MINIMOOG" abspielen zu lassen. Aber nach einigen Mühen hatte man aber halbwegs eine spartanische Coverversion zustandegebracht, und Josy musste sich auch erst mal an den Gesang gewöhnen. Aber aufgenommen wurde einstweilen noch nichts. Danach diskutierten die beiden darüber, ein erstes Astral Fuck-Konzert zu planen, und zwar für Sylvester in den Proberäumen des SCHWAARZEN DROT auf dem Kaltreis in Bonneweg.

Am 19. des Monats kam endlich Alex' DAT-Recorder an. Auch wurde an jenem Abend am Mental Decay-Stück Gott gearbeitet, um Effekte zum Gesang beizumischen, was sich jedoch als relativ problematisch erwies, da Alex sich nicht mit Patrick und Frank einigen konnte, welchen Effekt man nehmen sollte. Auch stellte er einen Defekt an einem seiner Anschlusskabel für den Denoiser fest. Er hatte Kabel verwendet, die aus dem ehemaligen Proberaum der Kultur-Fabrik stammten. Er hatte nämlich kurz vor der Räumung noch alle defekten Kabel mitgenommen, die vorhanden waren, um sie dann zu reparieren oder zumindest die Stecker wiederzuverwenden. Zwar hatte er vor dem Löten alle Kabel kontrolliert, doch hier war ein Wackelkontakt vorhanden, den er vorher nicht feststellen konnte.

Zwei Tage später machten Patrick und Alex im Probesaal der Kultur-Fabrik eine Jam-Session mit Gauged. Deren Bassist Dries Carlo alias Sloggy besass einen kleinen Analogsynthi, einen "Korg MS-10", von dem er annahm, er sei defekt. Alex experimentierte ein wenig am "MS-10" herum und fand heraus, dass weder die Tastatur noch das Gerät selbst defekt war. Je nach Einstellung der Regler reagierte nämlich die Tastatur auf den Oszillator oder nur auf das Filter. Sloggy selbst wusste mit dem Synthesizer nicht sehr gut umzugehen und kannte daher auch dessen Funktionsprinzip nicht. Unter anderem besass er auch eine analoge Rhythmusmaschine, ebenfalls von "Korg". Es handelte sich um eine "KPR-55", eine Preset-Drumbox, die nicht programmierbar war. Sie stammte etwa aus der Zeit um 1980 und war das kleinere Modell der programmierbaren "KPR-77".

Während der Session wirkte Alex auch mit und machte mit dem "MS-10" seltsame Effekte und Geräusche. Er schloss das Gerät an Sloggys Bassverstärker an, so dass es trotz nur einem Oszillator rauhe und druckvolle Klänge von sich gab. Patrick probierte so manches mit seinem Pitchshifter aus, Sloggy spielte seinen Bass über eine analoge Delay-Pedale und der Drummer Federspiel Victor unterlegte seinen Rhythmus mit total verrückten Breaks. Auch Vieni Marco, Sänger und Gitarrist von Gauged, experimentierte an seinen Effektgeräten herum und liess seine Gitarre in einem sägenden und röhrenden Sound klingen. Die improvisierten Stücke klangen allesamt total abgefahren und waren keinem Musikstil mehr unterzuordnen. Natürlich wurden diese auch mit einem Kassettenrecorder aufgenommen. Während der letzten Stücke bemerkte Alex, dass die Tastatur plötzlich nicht mehr auf den Oszillator reagierte. Möglicherweise war doch ein Wackelkontakt vorhanden gewesen. Aber einem Soundtüftler wie Alex schreckte das nicht ab, und so spielte er weiter, indem er die Spezialeffekte nur mit dem Filter erzeugte.

Nach der Session lieh Alex sich den Drumcomputer von Sloggy aus, um ihn zu überprüfen. Das Gerät sah arg mitgenommen aus, und so nahm er es ganz auseinander und reinigte die verschmutzten Teile. Auch ersetzte er einige Schrauben, die am Gehäuse fehlten. Nachdem er die Drumbox wieder zusammengebaut hatte, unterzog er sie noch einem Test. Alle Rhythmen, Parameter und Potis funktionierten einwandfrei.

Tags darauf fand eine Fotosession auf dem Kaltreis statt. Patrick machte hauptsächlich Bandfotos von Astral Fuck und Schwitzende Schweine. Für die erstgenannte Band verkleideten sich allesamt total bescheuert; Josy sah aus wie ein Grufti mit seinen geschminkten Augen und seiner schwarzen Klamotten, Patrick trug einen grasgrünen Ledermantel sowie eine Totenkopfmaske. Frank war mit seinen Schals und seiner Strumpfhose über dem Kopf das Abbild eines Ninjakämpfers, und Alex sah aus wie ein Schornsteinfeger. Er trug eine total abgetragene Ledermotorradjacke, einen Zylinderhut sowie einen Schnurrbart. Nach diesen Fotoaufnahmen kamen Schwitzende Schweinean die Reihe. Alex trug ein kariertes Wollhemd und Josy eine Lederjacke mit vielen Schnallen, so typisch der Rockerstil der 70ger Jahre. Noch dazu spielte er auf einer aufblasbaren Gummigitarre, was natürlich zum Schiessen aussah.

Nebenbei sei bemerkt, dass Alex für den SCHWAARZEN DROT eine Heizung gestiftet hatte, die er noch zu Hause unbenutzt herumstehen hatte. Jetzt allerdings musste er feststellen, dass jemand die Heizung demoliert hatte, so dass sie nicht mehr funktionstüchtig war. Natürlich wurde Alex furchtbar wütend und nahm sich vor, die Verantwortlichen für den Schaden ausfindig zu machen. Er beauftragte Patrick und Frank, in der nächsten Versammlung die a.s.b.l. über diesen Vorfall in Kenntnis zu setzen.

Am zweiten Weihnachtstag wurden mehrere Stücke von S.M.U.S. im Proberaum des SCHWAARZEN DROT aufgenommen. Man musste sich mit sehr beschränktem und teilweise defektem Equipement herumärgern. Das Mischpult funktionierte nur noch zur Hälfte, und die Lautsprecher waren total kaputt. Zudem besass man für das Schlagzeug nur zwei funktionstüchtige Mikrofone. Alex nahm alles mit seinem 8-Spur-Gerät auf und orientierte sich nach den Pegelausschlägen. Nach langer und mühevoller Arbeit waren die Aufnahmen im Kasten. Er hatte aber die Keyboardparts noch nicht aufgenommen, denn er wollte diese erst zu Hause in aller Ruhe nachträglich einspielen.

Tags darauf kam Josy für eine Woche bei Alex zu Besuch, damit beide genug Zeit hatten, um einige Schwitzende Schweine-Songs einzuüben. Josy hatte schon im voraus einige Texte geschrieben. Am nächsten Tag probten die beiden schon zwei Stücke ein: Der Mussolini von D.A.F. und Hymne an die Grubenarbeiterin. Jedoch hatte Alex einige Mühe, sich daran zu gewöhnen, dass die Tastenfolge der "M-184"-Tastatur nicht mit der des "MINIMOOG" übereinstimmte. Die erste Taste bei der "M-184"-Tastatur war wie bei den meisten Synthesizern die C-Taste, während es beim "MINIMOOG" die F-Taste war. Wenn Alex auf der Roland-Tastatur die C-Taste drückte, lag sie folglich beim "MINIMOOG" auf der F-Taste. Die Noten waren also beim "MINIMOOG" um fünf Halbtöne nach unten verschoben! Nebenbei wurden alle Sequenzen, die Alex eingab, vom "MINIMOOG" automatisch beginnend auf der F-Taste abgespielt. Diesmal schrieb er sich die Noten auf, damit er sie in Zukunft leichter eingeben konnte. Er besass allgemein die schlechte Angewohnheit, sich nichts aufzuschreiben, sondern alles im Kopf zu behalten. Anschliessend musste er noch an der "CR-78" die Beats programmieren. Er nahm die beiden Songs sofort mit seiner 8-Spur-Maschine auf, damit man auch bald ein Tape herausgeben konnte, wenn ein genügend grosses Repertoire verfügbar sein würde. Nach zwei oder drei Versuchen hatte man Der Mussolini im Kasten. Das zweite Stück komponierte man an Ort und Stelle in nur zehn Minuten. Nach kurzer Zeit hatte man auch dieses Stück aufgenommen. Für Josys Stimme wurde am "MIDIVERB II" ein Gate-Effekt verwendet, so dass die Stimme relativ agressiv klang. Er bewies hier zum ersten Mal sein Talent als Sänger. Er konnte vor allem sehr schnell passend zur Melodie und Atmosphäre des Stückes singen.

Zu dieser Zeit hatte Alex einige Mühe, den Proberaum genügend zu heizen. Etwa eine Woche zuvor brach der Winter mit voller Härte ins Land ein, und seitdem lagen die Temperaturen zwischen -5 und -15° C. Das Haus verfügte nur über ein veraltetes Heizsystem, so dass Alex die Zimmertemperaturen allenfalls auf 15° C halten konnte. Da analoge Synthesizer sehr anfällig gegen Kälte und Temperaturschwankungen sind, mussten er und Josy diese mindestens eine halbe Stunde warmlaufen lassen, bevor sie darauf spielen konnten.

Am folgenden Tag mischten er und Josy die beiden Songs noch schnell ab, denn sie wollten diese im Radio ARA in der Sendung "Den Däiwel steht virun der Dier" vorstellen. Sie luden sich selbst ein, indem sie einfach hingingen, ohne sich vorher anzumelden. Die Leute im Senderaum fanden auch schnell Gefallen an den Songs. Auch stellte Josy ein neues Astral Fuck-Stück vor.

Nach der Sendung arbeiteten die beiden an einem neuen Schwitzende Schweine-Stück. Sie wollten Herzlos von Stratis covern. Nach kurzer Zeit hatte Alex die Sounds und den Sequenzer eingestellt. Für den Rhythmus nahm er einen der Presets von der "CR-78", so, wie es auch Stratis gemacht hatte. Anschliessend spielten die beiden das Stück ein und nahmen es auch gleich mit der Bandmaschine auf. Nach drei Versuchen war Josy mit der Aufnahme zufrieden, Alex hingegen noch nicht. Also startete man noch einen Versuch. Diesmal wurde die Aufnahme nahezu perfekt, zumal Josys Stimme sehr brutal klang (er war wütend darüber, dass er noch einmal singen musste, denn er hatte noch nicht viel Übung im Gesang und wurde folglich auch schnell heiser).

Am Abend wollten die beiden schon wieder ein neues Projekt in Angriff nehmen: Alzheimer Altersheim. Man hatte diese Idee schon seit zwei Monaten im Kopf. Auch Patrick sollte dabei mitwirken. Ziel der Sache war, dass Alex die Grenzen der Soundmöglichkeiten bis hin zur völligen Entfremdung von musikalischen Klängen erreichen wollte. Es sollte auch kein Beat benutzt werden und alle Stimmen sollten durch Synthesizer und Effektgeräte gejagt werden. Vor allem wollte man herausfinden, ob es überhaupt möglich sein würde, noch extremere Musik zu machen als S.P.K. und Throbbing Gristle. Alex und Josy nahmen zwei Stücke, Uralt und DiePerson Angst, mit der 8-Spur-Maschine auf. Mit dem "Yamaha CS-30" stellte Alex einen Sound ein, den er über den integrierten Analog-Sequenzer laufen liess. Anschliessend schleifte er den "MIDIVERB II" durch die Bandmaschine und drehte die Hall-und Delayeffekte bis zum Anschlag auf. Josy schloss das Mikrofon an den externen Signaleingang des "MINIMOOG". Zunächst nahm Alex die Synthi-Klänge auf. Während der Aufnahme drehte er ständig an den Reglern herum, um den Sound zu verändern. Anschliessend wurde die Stimme aufgenommen. Auch hier drehte Alex an den Reglern des "MINIMOOG" herum, um Josys Stimme mal metallisch krächzend, mal blubbernd und rülpsend klingen zu lassen. Nachdem dieses Stück aus dem Stegreif aufgenommen worden war, stellte Alex für das zweite Stück am Modularsystem einen Sound ein, der mit mehreren Wellenformen unterschiedlicher Geschwindigkeit belegt war. Was die Stimme betraf, ging man noch etwas weiter. Während Josy einen Text sprach, transponierte Alex die Stimme nach unten oder nach oben. Das Ergebnis waren düstere Grabesstimmen bis hin zu Stimmen mit Federhalleffekt. Auch Kotzgeräusche waren möglich. Ab und zu gab Josy ein furchterregendes Kreischen und Stöhnen von sich. Dazu übersteuerte Alex das Filter, so dass das Ganze noch mit verzerrtem und pulsierendem Gepiepse begleitet war. Natürlich wurde Josys Text durch all diese grässlichen Geräusche total unverständlich. Zum Schluss plärrte Alex selbst noch einige Töne ins Mikrofon. Beide hatten es allerdings nicht einfach, ins Mikrofon zu schreien, weil sie fast einen Lachkrampf bekamen, als sie sich selbst hörten. Das Resultat der ganzen Prozedur war eine Musik, die man nicht mehr im geringsten als Musik bezeichnen konnte. Diese Klänge und Geräusche waren einfach nur noch abscheulich und ekelhaft. Es war ungefähr eine Mischung zwischen S.P.K. und Whitehouse, nur noch schlimmer.

Tags darauf gingen die beiden zu Dr. Monto im Radio ARA, der die Avantgarde-Sendung "Okapi" leitete. Dort wurden die beiden Projekte Schwitzende Schweine und Alzheimer Altersheim vorgestellt. Dr. Monto war von beiden Projekten beeindruckt, besonders von Alzheimer Altersheim.

Das Jahr ging nun zu Ende, und das Astral Fuck-Konzert auf dem Kaltreis stand an. Alex und Josy hatten aber Probleme, um ihre Instrumente nach Bonneweg zu transportieren. Alex sprach mit Gilbert ab, dass er die beiden abholen sollte, falls sie bis 23.00 keinen Fahrer ausfindig machen konnten, der sie nach Bonneweg brachte. Doch Gilbert kam nicht. Josy und Alex warteten bis 1.00, dann gingen sie selbst zu Fuss auf den Kaltreis, ohne ihre Instrumente. Als sie schliesslich nach mehr als einer Stunde ankamen, waren weder Gilbert noch Frank anwesend. Nur Patrick hatte auf die anderen gewartet. Er selbst bestätigte, dass Frank aus bisher ungeklärten Gründen überhaupt nicht angetreten war und Gilbert nur für etwa eine Stunde vorbeigekommen war, um danach wieder zu verschwinden. Alex und Josy waren ziemlich wütend wegen der Nachlässigkeit der anderen Bandmitglieder. Vor allem Josy sagte den Leuten gehörig die Meinung. Doch die hörten überhaupt nicht zu, denn die meisten von ihnen lagen nur besoffen in der Ecke herum. Wenn schon das Konzert nicht stattfinden konnte, so wollte er wenigstens einige seiner Kassetten spielen, die er noch mitgebracht hatte. Aber die anderen nahmen die Kassetten schon bereits nach einer Minute aus dem Tapedeck heraus, denn sie wollten nur Punk und Hardcore hören. Alex dachte sich: Und das soll dann eine Szene sein, die allen ernstes behauptet, sooo tolerant zu sein! Josy dachte natürlich das gleiche, also beschlossen die beiden, sofort nach Hause zu gehen. Sie schworen sich, die Hardcore-und Punkszene endgültig hinter sich zu lassen und von nun an nur noch mit Leuten zusammenzuarbeiten, die zuverlässig sind und bei denen auch ein Resultat ihrer Mitarbeit vorzuweisen ist.
 
 

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